Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Dein Signature Sound entsteht nicht durch das Sammeln von Techniken, sondern durch die Entwicklung einer bewussten klanglichen Philosophie.

  • Die bewusste Nutzung von „ästhetischer Unvollkommenheit“ wie Kälte oder Instabilität ist der Schlüssel zur Originalität.
  • Fortgeschrittenes Sound-Design in der deutschen Techno-Szene bedeutet oft, Reduktion und gezielte Zerstörung als kreative Werkzeuge zu meistern.

Empfehlung: Beginne damit, jeden Sound nicht als Problem zu sehen, das es zu „fixen“ gilt, sondern als Charakter, den es zu formen und zu enthüllen gilt.

Die Suche nach dem „Signature Sound“ ist eine fast mythische Reise für jeden fortgeschrittenen Musikproduzenten. Man hat die Grundlagen der Synthese verstanden, die DAW ist kein Buch mit sieben Siegeln mehr, und doch klingen die eigenen Tracks oft wie eine Hommage an andere – technisch sauber, aber ohne Seele, ohne eine unverkennbare Handschrift. Man verliert sich in Tutorials über das neueste Plugin, sammelt Gigabytes an Samples und probiert unzählige Effektketten aus, in der Hoffnung, zufällig über diesen einen, magischen Sound zu stolpern, der alles verändert.

Die gängigen Ratschläge sind bekannt: „Lerne Sound-Design von Grund auf“, „Schichte deine Sounds“, „Experimentiere mit Effekten“. Diese Ratschläge sind nicht falsch, aber sie kratzen nur an der Oberfläche. Sie behandeln Sound-Design als eine rein technische Disziplin, eine Abfolge von richtigen und falschen Entscheidungen. Doch was, wenn die wahre Kunst der klanglichen Identität nicht in der Perfektion, sondern in der bewussten Unvollkommenheit liegt? Was, wenn der Schlüssel nicht darin besteht, mehr Techniken anzuhäufen, sondern eine tiefere, künstlerische Absicht zu entwickeln – eine klangliche Philosophie?

Dieser Artikel bricht mit dem konventionellen Ansatz. Wir werden nicht einfach Techniken auflisten. Stattdessen begeben wir uns auf eine Forschungsreise in die Denkweise von Sound-Design-Visionären. Wir werden untersuchen, wie man die „kalte“ Seele der FM-Synthese als ästhetische Waffe einsetzt, wie aus urbanem Lärm organische Texturen entstehen und warum die „Zerstörung“ eines Sounds der kreativste Akt überhaupt sein kann. Es geht darum, die inhärenten Eigenschaften von Klangerzeugern und Effekten nicht als Limitierung, sondern als Charakter zu begreifen und zu formen.

Wir werden die Architektur eines einzigartigen Klangs von Grund auf neu denken, von den psychoakustischen Tricks für eine raumgreifende Stereobreite bis hin zu den Geheimnissen eines Basses, der sowohl im Club drückt als auch auf dem Smartphone funktioniert. Dieser Leitfaden ist eine Einladung, die Werkzeuge, die du bereits besitzt, mit neuen Augen – und Ohren – zu betrachten und eine truly einzigartige, wiedererkennbare klangliche Identität zu schmieden.

Um diese klangliche Reise strukturiert anzugehen, werfen wir einen Blick auf die zentralen Fragen, die wir auf dem Weg zur Entwicklung deines Signature Sounds beantworten werden. Jedes Kapitel ist ein Baustein deiner neuen Sound-Design-Philosophie.

Warum klingt FM-Synthese kälter als subtraktive Synthese?

Die Antwort liegt in der fundamental unterschiedlichen Herangehensweise an die Klangerzeugung. Subtraktive Synthese, der klassische Weg, startet mit einer obertonreichen Wellenform (wie Sägezahn oder Rechteck) und „schnitzt“ den Sound mit einem Filter zurecht – ein warmer, intuitiver Prozess, der an Bildhauerei erinnert. FM-Synthese hingegen ist eine Form der Klang-Architektur von Grund auf. Sie beginnt mit einfachen Sinuswellen (Operatoren), die sich gegenseitig in ihrer Frequenz modulieren. Das Ergebnis ist eine Welt komplexer, oft nicht-harmonischer Obertöne, die unser Gehör als metallisch, gläsern oder eben „kalt“ interpretiert.

Diese „Kälte“ ist kein technischer Mangel, sondern eine ästhetische Entscheidung. Anstatt sie zu bekämpfen, kann man sie als Kern deines Signature Sounds umarmen. Es ist die bewusste Abkehr von der Wärme und Vorhersehbarkeit analoger Klänge, die eine völlig neue klangliche Palette eröffnet.

Fallstudie: Der Yamaha DX7 in der Berliner Techno-Szene

Der Yamaha DX7, der Inbegriff der FM-Synthese, prägte die 80er Jahre. Obwohl oft als „kalt“ kritisiert, wurde genau diese Eigenschaft von Berliner Techno-Produzenten wie Marcel Dettmann gezielt genutzt, um dystopische und industrielle Atmosphären zu schaffen. Die Kälte entsteht durch die komplexen, oft metallischen Obertöne, die bei der Frequenzmodulation erzeugt werden – ein direkter Kontrast zur subtraktiven Synthese, die von harmonisch reichen Wellenformen ausgeht und diese lediglich filtert. Diese Eigenschaft wurde nicht als Fehler, sondern als definierendes Stilmittel für einen ganzen Sound etabliert.

Um diese Kälte zu formen, anstatt sie nur hinzunehmen, kann man Techniken anwenden, die den Charakter kontrollieren. Das Hinzufügen subtiler Bandsättigung kann gezielt harmonische Obertöne erzeugen und dem digitalen Signal analoges „Gewicht“ verleihen. Faltungshall mit Impulsantworten aus echten Räumen, wie deutschen Industriehallen, kann die kalte Präzision in eine greifbare, räumliche Textur einbetten und so eine Brücke zwischen dem Digitalen und dem Organischen schlagen.

Wie schichtet man Geräusche für organische Klänge?

Das Schichten von Klängen – Layering – ist mehr als das bloße Stapeln von Samples, um einen „fetten“ Sound zu erzeugen. Für einen wahrhaft organischen und einzigartigen Klang geht es darum, Texturen zu verweben, die aus unkonventionellen Quellen stammen. Der Schlüssel liegt in der Kombination von synthetischen Elementen mit der Unvorhersehbarkeit der realen Welt. Field Recordings sind hier kein Gimmick, sondern ein zentrales Werkzeug der Klang-Architektur.

Dieser Ansatz ist tief in der deutschen Elektronik-Szene verwurzelt. Eine Umfrage zeigt, dass über 73% der Berliner Techno-Produzenten urbane Field Recordings in ihre Tracks integrieren. Das Knistern einer U-Bahn-Tür, das Summen von Neonröhren oder das rhythmische Klopfen in einer verlassenen Fabrikhalle werden zu den organischen, atmenden Komponenten eines ansonsten digitalen Tracks. Sie verleihen einem präzisen Synthesizer-Pattern eine menschliche, fehlbare Dimension.

Makroaufnahme von geschichteten Wellenformen und urbanen Texturen

Wie die visuelle Überlagerung von Wellenformen und urbanen Texturen zeigt, geht es beim Layering nicht um Addition, sondern um Fusion. Der Prozess ist alchemistisch: Man kombiniert ein hartes, perkussives Element mit einem weichen, atmosphärischen Rauschen. Man legt eine transiente Attack-Phase eines Samples über den gehaltenen Sustain-Teil eines anderen. Wichtig ist, jedem Layer eine spezifische Rolle zuzuweisen: Ein Layer für den Attack, einer für den Körper (Body) und ein dritter für die Textur oder das „Rauschen“ (Noise/Tail).

Preset oder Eigenbau: Was schafft mehr Originalität?

Diese Frage führt oft zu ideologischen Grabenkämpfen. Die Puristen predigen, dass nur ein von Grund auf selbst gebauter Sound („Eigenbau“) wahre Originalität besitzt. Die Pragmatiker argumentieren, dass ein clever modifiziertes Preset („Preset-Flipping“) ein ebenso valider und vor allem schnellerer Weg zum Ziel ist. Die Wahrheit, wie so oft, liegt in der Mitte und hängt von deiner klanglichen Philosophie ab.

Ein Preset ist nicht das Ende des kreativen Prozesses, sondern ein möglicher Anfangspunkt. Die Originalität entsteht nicht durch die Quelle des Oszillators, sondern durch das, was danach passiert: die einzigartige Modulation, die unkonventionelle Effektkette, die radikale Umformung durch Resampling. Ein Preset bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden, ist eine Kunst für sich. Umgekehrt garantiert ein von Grund auf erstellter Sound nicht automatisch Originalität – ein simpler Sägezahn-Bass bleibt ein simpler Sägezahn-Bass, egal wie lange man daran geschraubt hat.

Die folgende Analyse zeigt, dass beide Ansätze ihre Berechtigung haben und unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellen. Laut einer vergleichenden Betrachtung verschiedener Synthese-Workflows ist die Entscheidung weniger eine Frage von „gut“ oder „schlecht“ als eine von Zeit, Ziel und Lernkurve.

Preset-Flipping vs. Sound-Design von Grund auf
Aspekt Preset-Flipping Eigenbau von Grund auf
Zeitaufwand 5-30 Minuten 1-4 Stunden
Originalität Mittel (durch extreme Bearbeitung) Hoch (einzigartige Signalkette)
Lernkurve Niedrig bis mittel Hoch
Signature-Potential Durch Bearbeitungskette definiert Durch Grundsound + Bearbeitung

Letztendlich ist die Debatte fast schon obsolet. Wie Experten betonen, geht es in Genres wie Techno um Reduktion und Bedeutung.

Techno war schon immer ein Genre der Reduktion. Weniger Elemente, dafür mehr Bedeutung pro Sound.

– Gearnews Redaktion, Die besten Synthesizer für Techno-Produktionen 2025

Ob dieser bedeutungsvolle Sound aus einem Preset oder einer leeren Hüllkurve geboren wurde, ist für den Hörer im Club irrelevant. Entscheidend ist der Charakter, den du ihm verleihst.

Wann zerstört zu viel Effektkette den Charakter des Sounds?

In dem Bestreben, einen Sound einzigartig zu machen, tappen viele Produzenten in die „Mehr ist mehr“-Falle. Ein bisschen Reverb hier, ein Delay da, gefolgt von Chorus, Flanger, Sättigung und am Ende noch ein Kompressor, der alles zusammenpresst. Das Ergebnis ist oft ein diffuser, kraftloser Klangbrei, bei dem der ursprüngliche Charakter des Instruments unter einer dicken Schicht aus Effekten begraben liegt. Die Effektkette hat den Sound nicht verbessert, sondern ausgelöscht.

Die Kunst liegt nicht in der Länge der Kette, sondern in der Präzision jedes einzelnen Glieds. Jede Entscheidung für einen Effekt sollte eine bewusste sein. Anstatt fünf mittelmäßige Effekte in Serie zu schalten, ist es oft wirkungsvoller, einen einzigen, hochwertigen Effekt gezielt einzusetzen und zu automatisieren. Parallele Bearbeitung (mittels Dry/Wet-Regler oder Send-Kanälen) ist hier ein entscheidendes Werkzeug. Sie erlaubt es, einem Sound Farbe und Raum zu geben, während der trockene, direkte Kern – die Transienten und der Grundcharakter – unangetastet bleibt.

In manchen Subgenres, wie dem deutschen Industrial Techno, ist die Verzerrung jedoch kein Fehler, sondern das Ziel. Hier wird das Konzept der gezielten Zerstörung zur Ästhetik.

Fallstudie: Industrial Techno und kreative Zerstörung

Im deutschen Industrial und Hard Techno ist „Zerstörung“ eine bewusste ästhetische Entscheidung. Produzenten unterscheiden hier scharf zwischen unkontrollierter, matschiger Übersteuerung und absichtsvoller Sättigung, die Charakter hinzufügt. Der Schlüssel liegt in der gezielten Anwendung: Hochwertige Sättigungs-Plugins, wie die von Vertigo Sound, werden oft genutzt, um digitalen Klängen analoges „Gewicht“ und eine aggressive Präsenz zu verleihen, ohne dabei die ursprüngliche Klarheit und Definition im Mix komplett zu verlieren. Es ist ein kontrolliertes Chaos.

Eine einfache, aber effektive Regel ist die „Drei-Effekte-Regel“: Beschränke dich auf maximal drei serielle Effekte pro Soundquelle. Diese Beschränkung zwingt dich, über die Funktion jedes einzelnen Effekts nachzudenken und nur das Wesentliche zu verwenden. Ein Korrektur-Effekt (EQ), ein Modulations-Effekt (Chorus) und ein Raum-Effekt (Reverb) sind oft alles, was ein Sound braucht, um im Mix zu sitzen und trotzdem seinen Charakter zu behalten.

Wie nutzt man das menschliche Gehör für breitere Sounds?

Die Illusion von Weite im Stereobild ist eines der mächtigsten Werkzeuge für einen immersiven Mix. Doch viele Produzenten greifen reflexartig zu Stereo-Widener-Plugins und drehen diese voll auf, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Das Ergebnis ist oft ein phasenschwacher, kraftloser Sound, der in Mono kollabiert – ein Desaster für jede Club-PA. Der visionäre Ansatz ist subtiler: Er nutzt die Psychoakustik, die Wissenschaft davon, wie unser Gehirn Schall interpretiert, um eine psychoakustische Täuschung von Breite zu erzeugen.

Ein zentraler Aspekt ist der Kontrast. Ein Sound wirkt nur dann breit, wenn er in Relation zu etwas Schmalem steht. Wenn alles im Mix ultra-breit ist, ist effektiv nichts breit. Indem man bewusst mit Mono- und Stereoelementen spielt, schafft man Dynamik im Stereofeld. Ein langes, fokussiertes Mono-Intro, das im Drop plötzlich in ein weites Stereopanorama explodiert, hat eine ungleich größere emotionale Wirkung als ein durchgehend breiter Track.

Diese Überlegung ist im Club-Kontext nicht nur eine kreative, sondern auch eine technische Notwendigkeit. Die Realität auf dem Dancefloor sieht anders aus als im perfekten Stereodreieck des Studios. Eine akustische Studie deutscher Techno-Clubs zeigt, dass sich oft nur 20% der Clubbesucher im optimalen Stereo-Sweet-Spot befinden. Der Rest hört eine variable Mischung aus linkem und rechtem Kanal, oft nahe an Mono. Ein breiter Mix, der nicht mono-kompatibel ist, verliert für die Mehrheit des Publikums an Energie und Definition.

Aktionsplan: Psychoakustische Breite durch Kontrast erzeugen

  1. Kontrast maximieren: Beginne Tracks oder Sektionen mit langen, fokussierten Mono-Passagen, um den anschließenden Übergang zu einem breiten Stereobild maximal wirkungsvoll zu gestalten.
  2. Breite automatisieren: Anstatt eine statische Breite einzustellen, automatisiere den Stereo-Widener oder das Panning gezielt vor Drops oder in Übergängen, um von „mono“ zu „ultra-breit“ zu expandieren.
  3. Rhythmisches Panning nutzen: Verwende bei repetitiven Elementen wie Hi-Hats oder Percussion eine rhythmische Panning-Automation (z.B. mit einem LFO) anstelle einer statischen, breiten Positionierung, um Bewegung und eine schwer fassbare Weite zu erzeugen.
  4. Frequenzabhängige Breite: Nutze Mid/Side-EQs, um nur die hohen Frequenzen eines Sounds in die Breite zu ziehen, während die fundamentalen Mitten mono und zentriert bleiben.
  5. Kurze Delays (Haas-Effekt): Dupliziere ein Mono-Signal, panne die Spuren hart links/rechts und verzögere eine Seite um 1-30 Millisekunden. Dies erzeugt eine starke, aber potenziell phasenkritische Stereobreite, die mit Vorsicht zu genießen ist.

Wie bekommt man den Bass breit und mono-kompatibel zugleich?

Dies ist die Königsdisziplin im Sound-Design für Clubmusik und ein klassisches Dilemma. Ein breiter Bass kann im Studio beeindruckend klingen, führt aber im Club oft zu Phasenproblemen und einem diffusen, kraftlosen Low-End. Ein reiner Mono-Bass ist sicher, kann aber im Vergleich zu den breiten Leads und Pads dünn und unspektakulär wirken. Die Lösung, die sich in der Berliner Produzentenszene etabliert hat, ist ein frequenzselektiver Ansatz, der das Beste aus beiden Welten vereint.

Die Grundregel lautet: Tiefe Frequenzen gehören in die Mitte. Das menschliche Gehör kann die Richtung von tiefen Frequenzen ohnehin kaum orten. Jede Stereoinformation unter ca. 120 Hz ist daher nicht nur nutzlos, sondern potenziell schädlich. Der Trick besteht darin, das Bass-Signal in zwei Teile aufzuspalten: den Sub-Bass (alles unter 120-150 Hz) und die Bass-Mitten/Höhen (alles darüber).

Nahaufnahme von Mid-Side-Processing im Tonstudio

Wie die visuelle Trennung am Mischpult andeutet, wird der Sub-Bass-Anteil strikt mono gehalten. Er ist das Fundament, der Anker des Tracks. Die Stereobreite und der Charakter kommen ausschließlich aus den oberen Frequenzanteilen. Diese können mit dezenten Stereo-Effekten wie Chorus, kurzen Delays oder Reverb bearbeitet werden. Eine besonders effektive Technik ist die Mid/Side-Sättigung: Man sättigt nur das „Side“-Signal (die Stereoinformation), um ihm Obertöne und Charakter zu verleihen, während das „Mid“-Signal (der Mono-Kern) sauber und druckvoll bleibt.

Der „Berliner Bass-Workflow“ lässt sich in vier wesentliche Schritte unterteilen:

  1. Frequenzteilung: Teile das Bass-Signal mit einem Multiband-Tool oder einem EQ bei ca. 120 Hz. Der Frequenzbereich darunter wird konsequent in Mono konvertiert.
  2. Stereo-Bearbeitung der Obertöne: Bearbeite nur den Frequenzbereich über 120 Hz mit Stereo-Effekten. Ein kurzer, synchronisierter Stereo-Chorus kann Wunder wirken.
  3. Mid/Side-Sättigung: Wende eine Sättigung nur auf das Side-Signal der oberen Frequenzen an. Dies fügt Breite und Aggressivität hinzu, ohne den Mono-Kern zu verschmutzen.
  4. Kontinuierlicher Mono-Check: Überprüfe das Ergebnis während des gesamten Prozesses immer wieder in Mono. Verschwindet der Bass oder wird er dünner? Dann gibt es Phasenprobleme, die korrigiert werden müssen.

Warum sind analoge Oszillatoren im Club oft durchsetzungsfähiger?

Es ist ein weit verbreiteter Glaube: Analoge Synthesizer klingen „wärmer“, „lebendiger“ und setzen sich im Mix besser durch. Oft wird dies auf die „Magie“ der analogen Oszillatoren zurückgeführt. Doch diese Erklärung greift zu kurz und ignoriert, worum es bei der ästhetischen Unvollkommenheit wirklich geht. Die Durchsetzungsfähigkeit kommt seltener vom Oszillator allein, sondern von der Summe der subtilen Instabilitäten und Nichtlinearitäten der gesamten analogen Signalkette.

Analoge Oszillatoren weisen eine minimale, zufällige Tonhöhenschwankung auf, bekannt als „Drift“. Diese winzigen Abweichungen, oft nur wenige Cents, verhindern, dass die Wellenformen statisch und leblos klingen. Sie erzeugen eine natürliche Schwebung, die dem Sound eine subtile, aber hörbare Bewegung und Fülle verleiht. Es ist diese ständige, mikroskopische Veränderung, die unser Gehirn als „lebendig“ interpretiert.

Viele Top-Produzenten nutzen VSTs. Die ‚Durchsetzungsfähigkeit‘ kommt oft nicht vom Oszillator selbst, sondern von der Sättigung der analogen Filter- und VCA-Stufen.

– Michael Soltau, Synthesizer Studio Berlin Interview

Diese Erkenntnis ist entscheidend, denn sie bedeutet, dass man diesen „analogen Charakter“ auch in der digitalen Welt nachbilden kann, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Es geht nicht darum, einen mythischen „Analog-Sound“ zu jagen, sondern die zugrundeliegenden Prinzipien zu verstehen und digital zu emulieren.

Fallstudie: u-he und die digitale Emulation analoger Drift

Die Berliner Firma u-he hat mit Synthesizern wie Diva oder Repro-5 eindrucksvoll bewiesen, dass digitale Instrumente überzeugend analog klingen können. Einer der Schlüssel liegt in der präzisen Emulation von „Drift“. In ihren Synthesizern kann man gezielt subtile, zufällige Tonhöhenschwankungen einstellen, die oft von einem sehr langsamen, zufälligen LFO gesteuert werden. Diese programmierte Instabilität, kombiniert mit einer hochwertigen digitalen Emulation der Sättigung von Filter- und Verstärkerstufen, verleiht dem digitalen Sound genau das „Gewicht“ und die organische Präsenz, die man oft fälschlicherweise allein den analogen Oszillatoren zuschreibt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dein Signature Sound ist das Ergebnis einer klanglichen Philosophie, nicht einer Ansammlung von Techniken.
  • Umarme „ästhetische Unvollkommenheit“: Die Kälte der FM-Synthese oder die Instabilität analoger Schaltungen sind kreative Werkzeuge, keine Fehler.
  • Reduktion ist ein Schlüsselprinzip: Weniger Elemente mit mehr Bedeutung pro Sound schaffen mehr Platz und Charakter als ein überladener Mix.

Wie schafft man Platz im Mix für jedes Element, ohne dass es dünn klingt?

Ein voller, aber transparenter Mix ist das Endziel jedes Produzenten. Der übliche Reflex bei Frequenzkonflikten ist der Griff zum EQ, um Platz „freizuschaufeln“. Doch dieses ständige subtraktive EQing kann schnell dazu führen, dass einzelne Elemente ihren Körper und ihre Energie verlieren und der gesamte Mix dünn und kraftlos klingt. Ein weitaus eleganterer und fundamentalerer Ansatz liegt nicht im Mischen, sondern im Arrangement.

Die Philosophie des Minimal Techno, wie sie von Künstlern wie Ricardo Villalobos verkörpert wird, bietet hier eine wertvolle Lektion. Es geht darum, Konflikte zu vermeiden, bevor sie überhaupt entstehen. Anstatt zu versuchen, zwei Sounds, die im selben Frequenzbereich kämpfen, mit dem EQ zu trennen, lässt man sie einfach nicht gleichzeitig spielen. Das Prinzip von „Call and Response“ – ein Element antwortet auf das andere – schafft rhythmische und klangliche Räume auf natürliche Weise.

Die minimalistische Philosophie: Der beste Weg, Platz zu schaffen, ist, weniger Elemente gleichzeitig spielen zu lassen – ‚Call and Response‘ statt mit dem EQ zu kämpfen.

– Ricardo Villalobos, Minimal Techno Production Philosophy

Wenn das Arrangement steht, kann man den Mix als dreidimensionalen Raum betrachten, eine Form der Klang-Architektur. Jedes Element bekommt seinen eigenen Platz nicht nur im Frequenzspektrum, sondern auch im Stereobild und in der Tiefe. Man kann sich den Mix anhand von drei Achsen vorstellen: Die X-Achse (links/rechts) wird durch Panning definiert. Die Y-Achse (hoch/tief) ist das klassische Frequenzspektrum. Die Z-Achse (vorne/hinten) wird durch die Art und Menge des Halls und Delays bestimmt. Kurzer, präsenter Hall platziert einen Sound vorne im Raum, während langer, diffuser Hall ihn nach hinten rückt.

Durch die bewusste Positionierung jedes Elements auf diesen drei Achsen entsteht ein Mix, der tief, breit und klar ist, ohne dass aggressive EQ-Eingriffe nötig wären. Jedes Instrument hat seinen eigenen Raum zum Atmen, was dem gesamten Track eine mühelose Kraft und Transparenz verleiht. Es ist die Kunst, Fülle durch Separation zu erzeugen, nicht durch Addition.

Ein meisterhafter Mix entsteht nicht durch nachträgliche Reparaturen, sondern durch eine vorausschauende architektonische Planung des Arrangements und des Klangraums.

Die Entwicklung eines Signature Sounds ist letztendlich keine technische, sondern eine persönliche Reise. Es geht darum, eine Verbindung zu deinen Werkzeugen aufzubauen, ihre „Fehler“ als Charakterzüge zu lieben und eine bewusste Entscheidung darüber zu treffen, wie du klingen möchtest. Beginne noch heute damit, einen Sound aus deiner Library nicht als gegeben hinzunehmen, sondern ihn als Ausgangspunkt für deine eigene klangliche Alchemie zu betrachten.

Geschrieben von Felix Felix Schneider, Live-Act Performer und Hardware-Sounddesigner. Spezialist für Synthesizer, Modulare Systeme und Dawless-Setups.