Veröffentlicht am März 15, 2024

Ein Plattenspieler für einen DJ ist kein Hi-Fi-Gerät, sondern ein feinmechanisches Präzisionswerkzeug. Das Antriebssystem ist der entscheidende Faktor für Performance und Langlebigkeit.

  • Der Direktantrieb liefert das sofortige Drehmoment, das für präzise Kontrolle bei Scratching und schnellem Mixing physikalisch notwendig ist.
  • Die Konstruktion des Motors, insbesondere bei Original-Technics-Modellen, ist der Schlüssel zu ihrer legendären Zuverlässigkeit und ihrem Werterhalt auf dem deutschen Gebrauchtmarkt.
  • Eine effektive Entkopplung von Vibrationen ist eine mechanische Notwendigkeit, um physikalische Rückkopplungsschleifen zu verhindern, kein esoterisches Audio-Tuning.

Empfehlung: Für ernsthaftes DJing ist ein Direktantrieb nicht verhandelbar. Achten Sie beim Kauf eines gebrauchten Geräts auf die Motorkonstruktion, die Drehmomentspezifikationen und den allgemeinen mechanischen Zustand.

Wer als Vinyl-Einsteiger den deutschen Gebrauchtmarkt durchforstet, steht vor einer verwirrenden Wahl. Auf der einen Seite locken günstige Plattenspieler mit Riemenantrieb, auf der anderen Seite stehen die teuren, legendären Direktantriebsmodelle wie der Technics SL-1210. Die gängige Meinung ist schnell zur Hand: „Direktantrieb ist für DJs, Riemenantrieb für Hi-Fi-Hörer.“ Doch diese Vereinfachung ist für einen angehenden DJ, der eine Maschine für die Praxis sucht, nutzlos. Sie erklärt nicht das *Warum*. Sie erklärt nicht die physikalischen Kräfte, die beim Mixen und Scratchen am Werk sind, und wie die Maschine darauf reagieren muss.

Die Wahrheit liegt tiefer, in der Mechanik selbst. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Antriebsarten ist keine Frage des subjektiven Klangs, sondern eine fundamental technische. Es geht um die Beherrschung von Kräften, die Präzision der Steuerung und die langfristige Widerstandsfähigkeit gegen mechanischen Verschleiß. Ein DJ-Plattenspieler ist ein Werkzeug, das eine direkte, taktile Verbindung zwischen der Hand des DJs und der Schallplatte herstellt. Jede Millisekunde Verzögerung, jede Schwankung in der Geschwindigkeit und jede Vibration wird zu einem Hindernis für die kreative Arbeit. Die wahre Frage ist also nicht, welcher Plattenspieler „besser klingt“, sondern welche Maschine die physikalischen Anforderungen des DJings kompromisslos erfüllt.

Dieser Artikel bricht mit den oberflächlichen Erklärungen. Wir betrachten den Plattenspieler aus der Perspektive eines Feinmechanikers. Wir analysieren das Drehmoment als physikalische Kraft, die das Trägheitsmoment des Plattentellers überwindet. Wir untersuchen die Kräftebilanz am Tonarm, die über den Verschleiß von Nadel und Platte entscheidet. Und wir zeigen, wie man eine Maschine vor den zerstörerischen Vibrationen eines Club-Bassfundaments schützt. Nur wer die Mechanik versteht, kann eine fundierte Kaufentscheidung treffen und sein Werkzeug wirklich meistern.

Um diese mechanischen Aspekte im Detail zu beleuchten, haben wir diesen Leitfaden strukturiert. Jeder Abschnitt widmet sich einer spezifischen technischen Herausforderung und liefert präzise, anwendbare Antworten für den DJ-Alltag.

Warum braucht man starkes Drehmoment für schnelles Mixing und Scratching?

Der Begriff „Drehmoment“ wird oft genannt, aber selten physikalisch erklärt. Es ist die Rotationskraft, die der Motor auf den Plattenteller ausübt. Für einen DJ ist diese Kraft entscheidend, denn sie kämpft direkt gegen das Trägheitsmoment des Plattentellers – also dessen physikalischen Widerstand gegen Geschwindigkeitsänderungen. Wenn Sie eine Platte stoppen, um einen Cue-Punkt zu setzen (Back-Cueing), oder sie beim Scratchen schnell hin und her bewegen, muss der Motor in dem Moment, in dem Sie loslassen, eine immense Kraft aufbringen, um den schweren Teller sofort wieder auf die exakte Nenngeschwindigkeit von 33⅓ oder 45 U/min zu beschleunigen. Ein Riemenantrieb, bei dem die Kraft über einen Gummiriemen übertragen wird, hat hier keine Chance. Der Riemen dehnt sich, rutscht und führt zu einer inakzeptablen Anlaufzeit.

Ein Direktantrieb koppelt den Motor direkt an den Plattenteller. Hier gibt es keine Dehnung, keine Verzögerung. Die Kraft wird unmittelbar übertragen. Der Unterschied ist quantifizierbar: Klassische Technics-Modelle bieten etwa 1,5 kg/cm Drehmoment. Das ist der jahrzehntelange Standard für professionelles Mixing. Moderne „Super-OEM“-Plattenspieler gehen noch weiter. Eine Analyse zeigt, dass aktuelle DJ-Plattenspieler wie der Pioneer PLX-1000 mit 4,5 kg/cm dreifach stärkeres Drehmoment bieten. Dieser massive Kraftüberschuss ist vor allem für anspruchsvolles Battle-DJing und schnelles Scratching relevant, wo die Platte ohne die geringste Verzögerung anlaufen muss. Für präzises Techno-Mixing, bei dem es auf absolute Geschwindigkeitskonstanz (Gleichlauf) ankommt, ist ein extrem hohes Drehmoment weniger kritisch als ein stabiler, quarzgesteuerter Motor, wie er in allen professionellen Direktantriebsmodellen zu finden ist. Die Regel ist einfach: Je schneller und aggressiver der DJ-Stil, desto wichtiger ist ein hohes Drehmoment.

Wie justiert man den Tonarm, um Plattenverschleiß zu minimieren?

Die Justierung des Tonarms ist keine esoterische Kunst, sondern reine Physik. Es geht darum, eine präzise Kräftebilanz herzustellen. Die drei Hauptkräfte sind: die Auflagekraft (das Gewicht, das die Nadel in die Rille drückt), die Zentripetalkraft (die die Nadel zur Mitte der Platte zieht) und die Antiskating-Kraft (die dieser Zentripetalkraft entgegenwirkt). Eine falsche Einstellung führt zu einem Ungleichgewicht, das zwei Konsequenzen hat: Die Nadel kann aus der Rille springen oder, was noch schlimmer ist, sie übt einseitigen Druck auf eine Rillenflanke aus. Dies führt zu massivem, vorzeitigem Plattenverschleiß.

Der Tonarm muss zunächst perfekt horizontal ausbalanciert werden (schwebend), bevor über das Gegengewicht die vom Nadelhersteller empfohlene Auflagekraft eingestellt wird. Danach wird das Antiskating auf denselben Wert eingestellt. Dies ist die Standardprozedur für eine ausgewogene Abtastung und minimalen Verschleiß. Für DJs, insbesondere Scratch-DJs, wird diese Regel jedoch oft bewusst gebrochen.

Makroaufnahme der Tonarm-Justierung mit Antiskating-Gewicht

Die mechanische Präzision dieser Einstellungen, wie im Bild zu sehen, ist entscheidend. Jede kleine Veränderung beeinflusst direkt die Kräfte, die auf die empfindliche Nadel und die Vinylrille wirken.

Fallbeispiel: Die „Null-Antiskating“-Einstellung bei Scratch-DJs

Viele Scratch-DJs stellen das Antiskating bewusst auf Null. Der Grund ist pragmatisch: Beim schnellen Vor- und Zurückbewegen der Platte (Scratching) und abruptem Stoppen (Back-Cueing) neigt eine Nadel mit aktiver Antiskating-Korrektur eher zum Springen. Durch das Deaktivieren dieser Gegenkraft wird die Nadel fester in die innere Rillenflanke gedrückt, was sie stabiler macht. Der Kompromiss ist jedoch ein drastisch erhöhter, einseitiger Verschleiß der Platte und der Nadel. Dies ist ein bewusstes Inkaufnehmen von Materialverschleiß zugunsten der Performance-Sicherheit. Für reines Mixing ist diese Methode absolut nicht zu empfehlen.

Original oder Nachbau: Welcher Motor hält länger durch?

Auf dem Gebrauchtmarkt in Deutschland konkurrieren vor allem zwei Kategorien: die originalen Technics-Modelle (insbesondere der SL-1210 MK2) und die neueren, oft günstigeren „Super-OEM“-Plattenspieler von Herstellern wie Hanpin, die unter verschiedenen Markennamen (z.B. Pioneer, Reloop, Audio-Technica) verkauft werden. Obwohl die Super-OEMs oft ein höheres Drehmoment bieten, liegt der entscheidende Unterschied in der Konstruktionsphilosophie und der daraus resultierenden Materialermüdung über Jahre hinweg.

Der Motor eines originalen Technics-Plattenspielers ist eine mechanische Meisterleistung der Integration. Der Rotor (der drehende Teil) ist fest mit dem Plattenteller verbunden und bildet eine einzige, massive Einheit. Der Stator (der feststehende Teil mit den Spulen) ist direkt in das schwere Chassis des Plattenspielers eingegossen. Diese Konstruktion sorgt für extreme Stabilität, exzellente Wärmeableitung und eine fast legendäre Langlebigkeit. Es ist kein Zufall, dass Experten bestätigen, dass 20 Jahre alte Technics SL-1210 MK2 ihren Wert auf dem deutschen Gebrauchtmarkt nahezu halten. Ihre Motoren sind für eine Lebensdauer von Jahrzehnten ausgelegt, nicht für wenige Jahre.

Die Super-OEM-Modelle verfolgen einen modulareren Ansatz. Der Motor ist oft eine separate Einheit, die in das Chassis eingebaut wird. Dies ist günstiger in der Herstellung, kann aber über die Zeit zu subtilen Instabilitäten führen. Die folgende Tabelle verdeutlicht die fundamentalen Unterschiede im mechanischen Aufbau.

Vergleich der Motorkonstruktion: Technics Original vs. Hanpin Super-OEM
Eigenschaft Technics Original Hanpin Super-OEM
Rotor-Design Fest mit Plattenteller verbunden Modulare Bauweise
Stator-Integration Teil des Chassis Separate Einheit
Ersatzteilverfügbarkeit Spezialisierte Shops in Deutschland Begrenzt/Austausch komplett
Typische Lebensdauer 20+ Jahre 5-10 Jahre

Die Entscheidung ist also nicht nur eine des Drehmoments, sondern eine Investition in Langlebigkeit. Ein originaler Technics ist eine Maschine fürs Leben, während ein OEM-Nachbau eher ein Arbeitsgerät mit begrenzter Haltbarkeit ist.

Die Rückkopplungsschleife, die durch falsche Untergründe entsteht

Jeder DJ kennt das Problem: Der Bass wird aufgedreht und plötzlich beginnt ein lautes, tiefes Wummern aus den Lautsprechern, das schnell lauter wird – eine Rückkopplung. Dies ist kein elektrisches, sondern ein rein mechanisches Problem. Es ist eine physikalische Vibrationsschleife. Der Schalldruck der Bassfrequenzen versetzt den Boden, das DJ-Pult und schließlich den Plattenspieler selbst in Schwingung. Diese Vibrationen werden vom empfindlichen Tonabnehmersystem (der Nadel) wie ein Audiosignal aufgenommen, vom Verstärker verstärkt, über die Lautsprecher wiedergegeben, was die Vibrationen weiter verstärkt. Der Teufelskreis ist geschlossen.

Die Empfindlichkeit für diese Art der Schwingungsübertragung ist der größte Nachteil von Plattenspielern im lauten Club-Umfeld. Der Untergrund ist dabei der entscheidende Faktor. Ein wackeliger Holztisch, ein federnder Bühnenboden oder ein dünnes DJ-Pult wirken wie ein Resonanzkörper, der die Bassenergie direkt an das Plattenspieler-Chassis weiterleitet. Der Direktantrieb selbst hat auf dieses Problem keinen direkten Einfluss, aber die massive Bauweise vieler Profi-Geräte hilft, Vibrationen durch schiere Masse zu absorbieren.

Fallbeispiel: Vibrationsisolation in deutschen Techno-Clubs

Die extremsten Umgebungen erfordern die extremsten Lösungen. Legendäre deutsche Clubs wie das Berghain oder der Tresor in Berlin sind bekannt für ihre extremen Schalldruckpegel. Um Rückkopplungen zu verhindern, sind die DJ-Kanzeln dort nicht einfach nur Möbel, sondern massive, tonnenschwere Betonkonstruktionen. Dieser Betonblock ist akustisch vom Rest des Gebäudes entkoppelt. Seine schiere Masse ist so träge, dass selbst die stärksten Bassvibrationen des Soundsystems ihn nicht in Schwingung versetzen können. Die Plattenspieler stehen auf einem sprichwörtlichen Fels in der Brandung – das ultimative Beispiel für eine professionelle mechanische Entkopplung.

Welche Nadel passt am besten zu Direktantrieb und Back-Cueing?

Die Wahl der Nadel (genauer: des Tonabnehmersystems) ist für einen DJ genauso wichtig wie die Wahl des Plattenspielers. Während im Hi-Fi-Bereich elliptische oder noch feinere Nadelschliffe für maximale Detailauflösung bevorzugt werden, sind diese für das DJing ungeeignet. Die extremen mechanischen Belastungen beim Back-Cueing und Scratchen würden diese filigranen Nadeln und die Plattenrillen zerstören. Für DJs hat sich daher der sphärische (konische) Nadelschliff als Industriestandard durchgesetzt.

Eine sphärische Nadel hat eine rundere Spitze. Sie hat zwar eine kleinere Kontaktfläche mit den Rillenflanken als eine elliptische Nadel, was zu einer etwas geringeren Detailwiedergabe führt, aber sie sitzt höher und stabiler in der Rille. Diese Robustheit ist entscheidend. Beim schnellen Rückwärtsziehen der Platte (Back-Cueing) verteilt sich der Druck besser, und die Gefahr, die Rillenflanke zu beschädigen, ist geringer. Es ist kein Zufall, dass sich sphärische Nadeln mit ihrer breiteren Kontaktfläche bewähren beim Back-Cueing und Modelle wie das legendäre Shure M44-7 oder die Ortofon Concorde-Serie seit Jahrzehnten von DJs genutzt werden. Ihre Konstruktion ist ein Kompromiss, der die Verschleißmechanik zugunsten der Robustheit optimiert.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über typische DJ-Systeme für Direktantriebs-Plattenspieler auf dem deutschen Markt, die alle auf einem robusten sphärischen Schliff basieren.

Die Auswahl des richtigen Systems ist entscheidend für die Langlebigkeit von Nadel und Vinyl. Eine vergleichende Analyse, basierend auf Daten von deutschen Fachhändlern, zeigt die gängigsten Optionen.

DJ-Nadeln für Direktantrieb: Eigenschaften und Preise
Modell Nadeltyp Auflagedruck Typischer Preis (Deutschland)
Ortofon VNL Sphärisch 18mN 35-45€
Shure M44-7 Sphärisch 30mN 60-80€
Ortofon Concorde DJ Sphärisch 18mN 50-70€

Die Wahl hängt vom persönlichen Stil und Budget ab, aber das technische Prinzip bleibt gleich: Eine robuste, sphärische Nadel ist die einzig sinnvolle Wahl für die mechanischen Belastungen des DJings mit einem Direktantrieb.

Sammlerstück oder Arbeitsgerät: Welche Platte nimmt man mit in den Club?

Als Vinyl-DJ steht man unweigerlich vor einem Dilemma. Die Sammlung wächst und enthält sowohl teure, seltene Erstpressungen als auch günstige „Arbeitsplatten“ für den täglichen Gebrauch. Die Frage ist: Welche dieser Platten riskiert man im rauen Club-Alltag? Die Umgebung ist feindselig für Vinyl: verschüttete Getränke, Zigarettenrauch, unachtsame Gäste und vor allem der mechanische Verschleiß durch intensives Cueing und Scratchen.

Ein Sammlerstück, eine wertvolle Erstpressung, hat im Club eigentlich nichts zu suchen. Jedes Back-Cueing, jede Unachtsamkeit kann den Wert der Platte mindern oder sie komplett ruinieren. DJs haben hier pragmatische Lösungen entwickelt, die den Spagat zwischen der Liebe zum Original und der Notwendigkeit der Praxis ermöglichen. Viele Plattenläden in Deutschland, die sich auf DJs spezialisiert haben, kennen dieses Problem und bieten beide Arten von Vinyl an.

DJ-Plattensammlung mit Arbeitsexemplaren und Sammlerstücken

Fallbeispiel: Plattenkultur bei Hard Wax in Berlin

In legendären Berliner Plattenläden wie Hard Wax lässt sich die Praxis gut beobachten. DJs kaufen dort sowohl brandneue Techno-Releases für 10-15€, die als robuste Arbeitsgeräte für den Club gedacht sind, als auch teure, rare House- oder Dub-Erstpressungen für 50€ und mehr. Die Lösung vieler Profis: Die seltenen und teuren Platten werden zu Hause in höchster Qualität digitalisiert. Im Club wird dann die digitale Datei über ein DVS (Digital Vinyl System) wie Serato oder Traktor abgespielt. So hat man den Klang des Originals und das haptische Gefühl des Vinyl-Auflegens, ohne das wertvolle Sammlerstück zu gefährden. Für Tracks, von denen es günstige Neuauflagen gibt, wird oft einfach die Neuauflage als Arbeitskopie gekauft.

Die goldene Regel lautet also: Was selten, teuer oder unersetzlich ist, bleibt zu Hause. In den Plattenkoffer für den Club gehören nur robuste Neuauflagen, günstige Platten oder solche, die man mental bereits abgeschrieben hat. Die beste Versicherung für Ihre wertvolle Sammlung ist eine gute digitale Kopie.

Beton oder Luftfederung: Wie entkoppelt man Turntables effektiv vom Bass?

Wir haben festgestellt, dass Rückkopplungen ein mechanisches Vibrationsproblem sind. Die Lösung ist daher ebenfalls rein mechanisch: die Schwingungsentkopplung. Das Ziel ist es, eine Barriere zwischen der Vibrationsquelle (dem Boden, dem Pult) und dem Plattenspieler zu schaffen. Es gibt zwei physikalische Grundprinzipien, um dies zu erreichen: Masse und Dämpfung.

Das Prinzip der Masse ist einfach: Ein sehr schweres Objekt ist träge und lässt sich nur schwer in Schwingung versetzen. Das ist der Grund, warum die Betonkanzeln im Berghain so effektiv sind. Für den Heimgebrauch oder mobile Setups ist dies oft unpraktisch, aber das Prinzip lässt sich skalieren. Eine schwere Stein- oder Betonplatte unter dem Plattenspieler kann bereits einen großen Unterschied machen, da sie die leichten Vibrationen des Untergrunds durch ihre eigene Trägheit absorbiert.

Das Prinzip der Dämpfung wandelt Schwingungsenergie in Wärme um. Materialien wie Gummi (Sorbothan) oder sogar Luft (Luftfederung) können Vibrationen absorbieren, bevor sie den Plattenspieler erreichen. Professionelle Entkopplungsfüße, wie die von Isonoe, kombinieren oft beide Prinzipien. Für den DJ mit kleinerem Budget gibt es jedoch sehr effektive DIY-Lösungen, die auf denselben physikalischen Gesetzen basieren und mit Materialien aus dem deutschen Baumarkt realisierbar sind.

Ihr Bauplan: DIY-Entkopplungsplattform

  1. Materialbeschaffung im Baumarkt: Kaufen Sie zwei MDF-Platten (19mm, ca. 50x40cm), 4x4cm Holzleisten für einen Rahmen und einen Sack mit 15kg Quarzsand (ca. 10€).
  2. Rahmenkonstruktion: Bauen Sie aus den Holzleisten einen einfachen, offenen Rahmen (ca. 10cm hoch) und stellen Sie ihn auf die untere MDF-Platte.
  3. Masse hinzufügen: Füllen Sie den Rahmen komplett mit dem trockenen Quarzsand. Der Sand wirkt gleichzeitig als Masse und als exzellentes Dämpfungsmaterial.
  4. Abschlussplatte: Legen Sie die zweite MDF-Platte oben auf den Sand. Optional können Sie Filzgleiter oder Sorbothane-Pads zwischen Sand und oberer Platte legen.
  5. Finale Entkopplung: Platzieren Sie den Plattenspieler auf der oberen Platte. Für maximale Effizienz können Sie die gesamte Konstruktion zusätzlich auf halbierte Squashbälle stellen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Drehmoment ist entscheidend: Ein Direktantrieb ist für DJing mechanisch unerlässlich, da nur er die nötige Kraft für sofortige Geschwindigkeitskorrekturen (Back-Cueing, Scratching) aufbringen kann.
  • Konstruktion vor Marke: Die Langlebigkeit eines Plattenspielers hängt von der Motorkonstruktion ab. Integrierte Motoren (wie bei Technics) sind robuster als modulare OEM-Einheiten.
  • Entkopplung ist Physik, kein Voodoo: Rückkopplungen werden durch mechanische Entkopplung mittels Masse (Beton, Sand) und Dämpfung (Gummi, Luft) verhindert.

Wie erkennt man wertvolle Erstpressungen auf dem Flohmarkt?

Die Jagd nach Vinyl auf Flohmärkten wie dem Mauerpark in Berlin oder der Flohschanze in Hamburg ist für viele DJs ein Ritual. Mit dem richtigen Wissen kann man hier für wenige Euro Schätze heben, die online ein Vielfaches wert sind. Doch wie unterscheidet man eine wertlose Nachpressung von einer begehrten deutschen Erstpressung? Es sind oft kleine Details auf dem Label und im Vinyl selbst, die den Unterschied ausmachen.

Zunächst ist der optische Zustand entscheidend. Suchen Sie nach tiefen Kratzern (Haarkratzer sind oft nur oberflächlich) und prüfen Sie die Platte im Licht auf Verformungen. Ein besonders verräterisches Zeichen für eine Platte, die von einem DJ intensiv genutzt wurde, ist der sogenannte „Cue Burn“ – eine matte, gräuliche Verfärbung in den ersten Sekunden eines Tracks. Hier hat die Nadel beim wiederholten Suchen des Cue-Punkts das Vinyl regelrecht poliert und abgenutzt. Solche Platten sind als Sammlerstücke oft wertlos. Ein weiterer wichtiger Indikator sind die eingravierten oder gestempelten Informationen im Auslaufbereich der Platte, dem Bereich zwischen dem Ende der letzten Rille und dem Label. Diese „Matrix-Nummern“ sind der Fingerabdruck einer Pressung.

Für den Vinyl-Jäger in Deutschland gibt es einige spezifische Merkmale zu beachten:

  • Label-Logos prüfen: Suchen Sie nach Logos von Rechteverwertungsgesellschaften. Ein „GEMA“-Logo deutet auf eine deutsche Pressung hin, „STEMRA“ auf eine niederländische, „BIEM“ auf eine gesamteuropäische. Das Fehlen kann auf eine US- oder UK-Pressung hindeuten.
  • Matrix-Nummern entziffern: Nehmen Sie eine kleine Taschenlampe mit. Eingravierte Codes wie „Sonopress“ oder „PF“ (für Tonstudio Pfanz) im Auslaufbereich sind klare Indizien für eine deutsche Herstellung.
  • Pressjahr identifizieren: Oft ist das Jahr der Pressung auf dem Label oder in der Matrix vermerkt. Generell gilt: Pressungen aus der „goldenen Ära“ des Vinyls, also vor ca. 1985, sind oft qualitativ hochwertiger und als Erstpressungen wahrscheinlicher.

Mit diesen mechanischen und visuellen Prüfmethoden verwandelt sich die Flohmarkt-Wühlkiste in ein spannendes Jagdrevier. Sie kaufen nicht mehr blind, sondern treffen eine fundierte Entscheidung basierend auf handfesten, physikalischen Beweisen.

Jetzt, da Sie die Geheimnisse der Vinyl-Jäger kennen, können Sie Ihre Checkliste zur Identifizierung wertvoller Platten verfeinern und sich auf die Suche nach verborgenen Schätzen machen.

Mit diesem tiefen mechanischen Verständnis sind Sie nun bestens gerüstet. Sie können nicht nur die Spreu vom Weizen auf dem Gebrauchtmarkt trennen, sondern auch Ihr zukünftiges Werkzeug präzise einstellen, pflegen und sein volles Potenzial ausschöpfen. Beginnen Sie noch heute damit, Plattenspieler mit den Augen eines Technikers zu bewerten.

Geschrieben von Klaus Klaus Hartmann, Resident-DJ und Vinyl-Spezialist mit über 25 Jahren Erfahrung in der Berliner Clubszene. Expert für Dramaturgie von langen Sets, analoges Mixing und die Psychologie der Tanzfläche.