Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Wahl zwischen KI-Mastering und einem menschlichen Engineer ist keine rein technische, sondern eine strategische Entscheidung über die Art der Partnerschaft, die Sie für Ihre Musik wünschen.

  • KI-Dienste bieten Geschwindigkeit und ein niedriges Budget, agieren aber als reines Werkzeug ohne kontextuelles Verständnis oder Dialogfähigkeit.
  • Ein menschlicher Engineer ist ein qualitätssichernder Partner, der nicht nur den Klang optimiert, sondern auch Feedback interpretiert und administrative Hürden (z. B. GEMA) kennt.

Empfehlung: Nutzen Sie KI für Demos und schnelle Entwürfe. Für eine finale Veröffentlichung, die künstlerische Nuancen, professionelles Feedback und marktspezifische Anforderungen berücksichtigen soll, ist die Investition in einen menschlichen Partner unumgänglich.

Für unabhängige Künstler ist der Moment magisch: Der Song ist aufgenommen, der Mix ist fertig, die kreative Arbeit scheint getan. Doch dann kommt der Realitätscheck. Im Vergleich zu professionellen Produktionen klingt der eigene Track oft leiser, weniger druckvoll oder einfach nicht „fertig“. Hier kommt das Mastering ins Spiel, der geheimnisvolle letzte Schritt, der über den kommerziellen Erfolg entscheiden kann. Früher war dieser Prozess eine teure Bastion erfahrener Engineers in akustisch optimierten Studios. Heute versprechen Plattformen wie Landr oder eMastered, diesen Job per Knopfdruck und für einen Bruchteil der Kosten zu erledigen.

Die Verlockung ist groß: schnelle Ergebnisse, planbare Kosten und die Hoffnung, den eigenen Sound auf das Niveau der Stars zu heben. Doch diese technologische Vereinfachung wirft eine entscheidende Frage auf: Ist das Mastering nur ein technischer Prozess, den ein Algorithmus abarbeiten kann, oder steckt mehr dahinter? Viele Diskussionen vergleichen lediglich die Klangqualität und übersehen dabei die fundamentalen Unterschiede im Prozess. Es geht nicht nur darum, *was* am Ende herauskommt, sondern auch *wie* man dorthin gelangt.

Dieser Artikel bricht mit der simplen Gegenüberstellung von „Mensch gegen Maschine“. Stattdessen nehmen wir die Perspektive eines kritischen Mastering-Engineers ein und beleuchten die strategische Dimension der Entscheidung. Wir argumentieren, dass es nicht um die Wahl eines Werkzeugs geht, sondern um die Wahl eines Partners. Ein qualitätssichernder Partner bringt nicht nur geschulte Ohren und hochwertiges Equipment mit, sondern auch Objektivität, Dialogfähigkeit und ein Verständnis für die administrativen Realitäten des deutschen Musikmarktes. Die wahre Frage ist also nicht, ob eine KI einen Song mastern kann, sondern ob sie ein ebenbürtiger Partner für Ihre künstlerische Vision sein kann.

Wir werden die entscheidenden Aspekte beleuchten, die über reine Lautheit hinausgehen, und Ihnen eine fundierte Grundlage geben, um die richtige strategische Entscheidung für Ihre Musik und Ihre Karriere zu treffen. Tauchen Sie mit uns in die Details ein, die den Unterschied zwischen einem guten und einem herausragenden Master ausmachen.

Warum ist die Objektivität des Engineers wichtiger als sein Equipment?

Ein häufiges Missverständnis ist, dass die Qualität eines Masters primär vom Wert des eingesetzten Equipments abhängt. Während hochwertige Kompressoren und Equalizer zweifellos wichtig sind, liegt der unschätzbare Vorteil eines menschlichen Engineers in seiner akustischen und emotionalen Objektivität. Nach Wochen oder Monaten intensiver Arbeit an einem Song entwickelt jeder Künstler eine Form von „Betriebsblindheit“. Man gewöhnt sich an kleine Fehler im Mix, hört die Bassfrequenz nicht mehr kritisch oder übersieht ein zischelndes „S“ in der Vokalspur. Der Engineer hört den Track zum ersten Mal und bringt frische, unvoreingenommene Ohren mit – ein Vorteil, den keine Maschine simulieren kann.

KI-Dienste, die laut Branchenschätzungen bereits 12.000 Masters täglich verarbeiten, arbeiten auf Basis von Algorithmen, die auf Tausenden von „erfolgreichen“ Tracks trainiert wurden. Sie analysieren Frequenzen, Dynamik und Stereobreite und passen den Song an ein statistisches Ideal an. Was ihnen fehlt, ist der Kontext. Versteht die KI die ironische Distanz in einem Punk-Song, die gewollt rohe Produktion erfordert? Erkennt sie, dass die überzogene Bassdrum in einem Trap-Beat ein stilistisches Merkmal und kein technischer Fehler ist? Wohl kaum. Ein Mensch hingegen tritt in einen Dialog und fragt nach der künstlerischen Absicht.

Diese Fähigkeit zur Interpretation ist der Kernpunkt. Wie es die Experten der Peak Studios treffend formulieren, sind die kreativen und emotionalen Entscheidungen, die ein menschlicher Engineer trifft, für eine Maschine nur schwer zu imitieren. Es geht darum, die Vision des Künstlers zu verstehen und zu vollenden, nicht darum, eine mathematische Formel anzuwenden. Ein Engineer entscheidet nicht nur, *was* technisch „korrekt“ ist, sondern *was* dem Song emotional dient. Diese strategische Entscheidung ist weitaus wertvoller als der teuerste Kompressor im Rack.

Soll das Mastering den Sound verändern oder nur laut machen?

Eine der zentralen Fragen beim Mastering lautet: Ist es eine korrektive oder eine kreative Disziplin? Die Antwort ist: beides. KI-Mastering-Dienste neigen dazu, sich auf den korrektiven Aspekt zu konzentrieren, insbesondere auf das Erreichen einer kommerziellen Lautheit. Sie analysieren das Frequenzspektrum und die Dynamik und versuchen, den Song an die gängigen Standards anzupassen. Das Ziel ist oft, den Track einfach nur lauter und druckvoller klingen zu lassen, ohne dabei die subtile Balance des Mixes grundlegend zu verändern.

Ein menschlicher Engineer hingegen betrachtet das Mastering als den finalen kreativen Pinselstrich. Es geht nicht nur darum, Lautstärke hinzuzufügen, sondern darum, die emotionale Wirkung des Songs zu maximieren. Manchmal bedeutet das, den Sound signifikant zu formen. Vielleicht braucht der Song mehr „Kleb“ durch sanfte Kompression, eine wärmere Klangfarbe durch analoge Sättigung oder eine breitere Stereobühne, um die Atmosphäre zu verstärken. Diese Eingriffe sind oft subtil, können aber den Unterschied zwischen einem guten und einem fesselnden Hörerlebnis ausmachen.

Visualisierung des Frequenzspektrums vor und nach dem Mastering-Prozess

Wie die Visualisierung des Frequenzspektrums zeigt, ist ein gutes Master mehr als nur eine Anhebung aller Pegel. Es geht um die gezielte Formung des Klangbildes, um Frequenzen auszubalancieren, Klarheit zu schaffen und die wichtigsten Elemente des Arrangements hervorzuheben. Eine Studie von Gearnews, die Landr mit einem menschlichen Engineer verglich, kam zu dem Schluss, dass menschliche Experten in der nuancierten Darstellung der Musik überlegen sind, auch wenn fortgeschrittene KIs solide Ergebnisse liefern können. Die KI mag einen technisch sauberen Job machen, aber der Mensch fügt die entscheidende emotionale Dimension hinzu und stellt sicher, dass der Song nicht nur laut, sondern auch lebendig klingt.

Wie stellt man sicher, dass der Track korrekt abgerechnet wird?

Sobald Ihr Song fertig gemastert ist und auf Plattformen wie Spotify, Apple Music oder YouTube landet, beginnt ein Aspekt, den viele unabhängige Künstler unterschätzen: die korrekte Abrechnung der Tantiemen. Hier offenbart sich ein entscheidender Vorteil eines menschlichen Engineers, insbesondere eines in Deutschland ansässigen: Er agiert als Partner, der auch die administrative Realität des Musikgeschäfts kennt. KI-Dienste liefern eine Audiodatei, aber selten Unterstützung bei den bürokratischen Notwendigkeiten.

Für die korrekte Identifikation und Abrechnung Ihres Tracks durch Verwertungsgesellschaften wie die GEMA sind Metadaten unerlässlich. Ein professioneller Mastering-Engineer stellt sicher, dass diese Informationen korrekt in die finale Master-Datei eingebettet werden. Dazu gehört vor allem der ISRC (International Standard Recording Code), die eindeutige „Personalausweisnummer“ für jede einzelne Aufnahme. Ohne einen korrekten ISRC kann Ihr Song nicht eindeutig zugeordnet und vergütet werden. KI-Plattformen überlassen diesen Schritt oft dem Künstler, was zu Fehlern und Einnahmeverlusten führen kann.

Darüber hinaus spielt auch die finanzielle Seite eine Rolle. Professionelle Mastering-Engineers können Kosten von mehrere Tausend Euro pro Album verursachen, was zunächst abschreckend wirkt. Beauftragen Sie jedoch einen Engineer in Deutschland, erhalten Sie eine ordnungsgemäße Rechnung, die Sie als Betriebsausgabe steuerlich geltend machen können. Dies relativiert die Kosten erheblich. Ein Abo-Beleg von einer ausländischen KI-Plattform wird vom deutschen Finanzamt oft nicht ohne Weiteres anerkannt. Der menschliche Engineer wird so auch zu einem Partner für die finanzielle Professionalisierung Ihrer künstlerischen Tätigkeit.

Ihr Plan zur korrekten Abrechnung: Metadaten-Checkliste

  1. ISRC-Code: Stellen Sie sicher, dass für jeden Track ein einzigartiger ISRC-Code generiert und korrekt in die Metadaten der WAV-Datei eingebettet ist.
  2. EAN/UPC-Code: Wenn Sie ein Album oder eine EP veröffentlichen, fügen Sie die entsprechende EAN- oder UPC-Nummer für das Gesamtprodukt hinzu.
  3. Künstler- und Label-Informationen: Füllen Sie alle Felder für Künstlername, Komponist, Texter und (falls vorhanden) Label-Informationen vollständig und konsistent aus.
  4. Rechnungsarchivierung: Bewahren Sie die Rechnung des deutschen Engineers sorgfältig auf. Sie dient als Nachweis für Ihre Betriebsausgaben bei der Steuererklärung.

Wie gibt man Feedback, wenn einem das Master nicht gefällt?

Einer der größten Vorteile der Zusammenarbeit mit einem Menschen ist der dialogorientierte Prozess. Was passiert, wenn das erste Master nicht Ihren Vorstellungen entspricht? Bei einem KI-Dienst haben Sie begrenzte Möglichkeiten: Sie können vielleicht zwischen verschiedenen Intensitätsstufen („warm“, „offen“, „druckvoll“) wählen oder den Prozess mit einem neuen Referenztrack wiederholen. Eine detaillierte, subjektive Rückmeldung ist jedoch kaum möglich. Wie soll ein Algorithmus verstehen, was Sie meinen, wenn Sie sagen: „Mir fehlt die Wärme“ oder „Der Bass ist zu matschig“?

Ein menschlicher Engineer hingegen lebt von diesem Dialog. Konstruktives Feedback ist der Schlüssel zu einem perfekten Ergebnis. Doch auch hier gibt es Regeln für eine effektive Kommunikation. Statt vager emotionaler Beschreibungen sollten Sie versuchen, so präzise wie möglich zu sein. Wenn Ihnen „Wärme“ fehlt, könnte das auf eine unzureichende Sättigung im Mittenbereich (ca. 800 Hz bis 2 kHz) oder zu scharfe Höhen hindeuten. Ein guter Engineer wird genau das erfragen und gezielte Anpassungen vornehmen. Anstatt von einem „matschigen Bass“ zu sprechen, beschreiben Sie das Problem genauer: „Der Subbass unter 100 Hz ist undifferenziert und überdeckt die Kickdrum“ oder „Die Kick hat bei 60 Hz zu viel Energie und lässt den Bass nicht durchkommen.“

Dieser Austausch ist unbezahlbar. Der Engineer agiert als Übersetzer Ihrer künstlerischen Wünsche in technische Parameter. Er kann Ihnen erklären, warum eine bestimmte Änderung vielleicht nicht sinnvoll ist oder welche Kompromisse eingegangen werden müssen. KI-Systeme haben, wie Experten bestätigen, Schwierigkeiten, subtile emotionale Nuancen zu erfassen, die durch menschliches Eingreifen hervorgehoben werden könnten. Sie können kein künstlerisches Feedback interpretieren. Die Möglichkeit, Revisionen anzufordern und in einen echten Dialog zu treten, macht den menschlichen Engineer zu einem echten kreativen Partner, der Ihnen hilft, Ihre Vision vollständig zu realisieren, anstatt Sie mit einer „fast perfekten“ Version allein zu lassen.

Warum muss für die Schallplatte ein separates Master erstellt werden?

Die Renaissance der Schallplatte stellt viele unabhängige Künstler vor eine neue Herausforderung. Der Gedanke, die eigene Musik auf Vinyl zu pressen, ist verlockend, doch hier zeigt sich die Grenze von „One-Size-Fits-All“-Lösungen am deutlichsten. Ein digitales Master, das für Streaming-Dienste optimiert ist, kann nicht einfach für eine Vinyl-Pressung verwendet werden. Der Grund liegt in der Physik des Mediums: Eine Schallplatte ist ein mechanischer Tonträger, dessen Rillen physischen Gesetzen unterliegen. Ein digitales File hingegen kennt diese Beschränkungen nicht.

Für ein Vinyl-Master müssen spezifische Anpassungen vorgenommen werden, die ein Standard-KI-Algorithmus in der Regel nicht leisten kann. Zu laute S-Laute (Zischlaute) können zu Verzerrungen führen und müssen mit einem De-Esser präzise kontrolliert werden. Ein zu breites Stereobild im Bassbereich kann dazu führen, dass die Nadel aus der Rille springt. Daher müssen Frequenzen unter ca. 150 Hz in Mono zusammengeführt werden. Auch die Gesamtlautheit spielt eine andere Rolle: Während digitale Master oft an die Lautheitsgrenzen gehen, ist bei Vinyl ein größerer Dynamikumfang (der Unterschied zwischen den leisesten und lautesten Stellen) entscheidend, um eine saubere und kraftvolle Wiedergabe zu gewährleisten. Zudem ist die Spieldauer pro Seite limitiert; je länger die Seite, desto leiser und komprimierter muss das Signal sein.

Makroaufnahme von Schallplattenrillen mit sichtbaren physikalischen Eigenschaften

Ein erfahrener Mastering-Engineer, der sich auf den Schallplattenschnitt spezialisiert hat, weiß genau, wie er den Mix vorbereiten muss, um diese physikalischen Hürden zu meistern. Die folgende Tabelle, basierend auf Daten von Branchenexperten wie Peak Studios, verdeutlicht die fundamentalen Unterschiede.

Digitales vs. Vinyl-Master: Technische Anforderungen
Anforderung Digitales Master Vinyl-Master
Frequenzbereich 20Hz – 20kHz voll nutzbar Eingeschränkt unter 30Hz
Stereobreite im Bass Unbegrenzt Mono unter 150Hz notwendig
Lautheit -14 LUFS für Streaming Dynamik wichtiger als Lautheit
Spielzeit pro Seite Unbegrenzt Max. 20-22 Minuten

Wann lohnt sich das teurere Stem-Mastering im Vergleich zum Stereo-Master?

Neben dem klassischen Stereo-Mastering, bei dem der Engineer eine einzelne Stereodatei bearbeitet, gibt es eine fortschrittlichere Methode: das Stem-Mastering. Hierbei liefert der Künstler nicht nur eine, sondern mehrere Stereodateien (sogenannte Stems), die jeweils eine Instrumentengruppe enthalten – zum Beispiel Drums, Bass, Gitarren und Vocals getrennt. Dieser Prozess ist teurer und wird ausschließlich von menschlichen Engineers angeboten, da er ein tiefes Verständnis für Mix-Strukturen erfordert. Doch wann rechtfertigt der Aufpreis diese strategische Entscheidung?

Stem-Mastering ist im Grunde ein Rettungsanker und eine Veredelungsmaßnahme zugleich. Es lohnt sich vor allem dann, wenn der finale Stereomix grundlegende Probleme in der Balance aufweist, die im Mastering nicht mehr zufriedenstellend korrigiert werden können. Stellen Sie sich vor, die Lead-Vocals sind etwas zu leise, aber jedes Mal, wenn der Engineer die Gesamtlautstärke anhebt, werden die Hi-Hats unerträglich scharf. Mit Stems kann er die Vocal-Gruppe isoliert anheben, ohne den Rest des Mixes zu beeinträchtigen. Er kann gezielt den Bass komprimieren, ohne die Kickdrum zu beeinflussen, oder nur den Gitarren mehr Präsenz verleihen. Es ist ein chirurgischer Eingriff, der die Grenzen zwischen Mixing und Mastering verschwimmen lässt.

Für Indie-Künstler mit begrenztem Budget ist dies eine Abwägungssache. KI-Dienste wie eMastered oder LANDR bieten extrem günstige Einstiegspakete an, die bei etwa 4 bis 49 US-Dollar pro Monat beginnen. Stem-Mastering bei einem professionellen Engineer kostet ein Vielfaches, bietet aber eine ungleich höhere Kontrolle. Es ist die richtige Wahl, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Mix nicht sein volles Potenzial entfaltet, Sie aber nicht das Budget oder die Fähigkeiten für eine komplette Mix-Revision haben. Der Engineer wird hier zum Co-Mixer, der die finale Balance herstellt. Diese Art der Zusammenarbeit unterstreicht den Wert des menschlichen Partners, wie selbst Brancheninsider zugeben.

Natürlich gibt es viele Dinge, die ein Mastering-Engineer tun wird, die wir niemals tun können. Die kritischen Einblicke, die ein Mastering-Engineer in einem Gespräch mit einem Musiker geben kann… das ist etwas, das selbst die beste KI der Welt nicht versuchen würde.

– Justin Evans, LANDR Mitgründer im Sound On Sound Interview

Original oder Neuauflage: Was klingt besser und was ist mehr wert?

Ein weiterer Bereich, in dem die Grenzen von KI-Mastering deutlich werden, ist das Remastering alter Aufnahmen. Ob es sich um Demo-Tapes aus den 90ern oder eine digitale Veröffentlichung aus den frühen 2000ern handelt – oft sollen diese Tracks für moderne Wiedergabegeräte und Streaming-Plattformen klanglich aufbereitet werden. KI-Dienste bieten auch hier eine schnelle Lösung, doch das Ergebnis kann oft steril und unauthentisch wirken. Ein Algorithmus kann schwerlich den klanglichen Zeitgeist einer Ära oder die Intention der ursprünglichen Aufnahme verstehen.

Das Ziel eines guten Remasters ist es nicht, einen alten Song wie eine moderne Produktion klingen zu lassen, sondern sein ursprüngliches Flair zu bewahren und es gleichzeitig von technischen Mängeln zu befreien. Ein menschlicher Engineer, der die Musikgeschichte kennt, kann hier seine Stärken ausspielen. Er weiß, dass ein Lo-Fi-Indie-Track aus den 80ern nicht die gleiche Basswucht wie ein aktueller Hip-Hop-Song haben soll. Er kann den charakteristischen Bandsättigungseffekt einer alten Aufnahme erhalten, anstatt ihn als „Rauschen“ zu entfernen. Diese kulturelle und historische Kontextualisierung ist für eine KI unmöglich.

Viele Künstler, die mit KI-Diensten experimentiert haben, berichten von gemischten Gefühlen. Ein Nutzer auf einer deutschen Musiker-Plattform beschreibt seine Erfahrung treffend:

Ein selbst gemachter Loop, ein Mal mit LANDR gemastert und ein Mal selber nach YouTube Video. Die eigene Version hat mir besser gefallen, damit hatte sich das für mich erledigt. War bei eMastered genau so.

– Nutzererfahrung, recording.de Forum

Für ein erfolgreiches Remastering sind einige Schritte entscheidend: Man sollte immer von der ungemasterten Originalquelle in höchstmöglicher Qualität (z.B. 24-bit WAV) ausgehen, den Limiter entfernen und die ursprüngliche Dynamik so gut wie möglich bewahren. Insbesondere bei kulturell wichtigen Klassikern ist die Beauftragung eines erfahrenen menschlichen Engineers keine Frage des Luxus, sondern des Respekts vor dem Originalwerk. Der Wert liegt hier nicht nur im besseren Klang, sondern in der authentischen Bewahrung eines künstlerischen Erbes.

Das Wichtigste in Kürze

  • Partner vs. Werkzeug: Ein menschlicher Engineer ist ein strategischer Partner, während KI-Mastering ein reines Werkzeug ist.
  • Kontext ist entscheidend: Menschen verstehen künstlerische Absichten, historischen Kontext und emotionale Nuancen, die Algorithmen nicht erfassen können.
  • Mehr als nur Klang: Ein professioneller Service umfasst auch den Dialog, Revisionen und administrative Unterstützung (z.B. für GEMA und Steuern in Deutschland).

Wie laut muss mein Track sein, um auf Spotify neben David Guetta zu bestehen?

Die vielleicht hartnäckigste Sorge unter Künstlern ist die Lautheit. Niemand möchte, dass sein Song im Vergleich zu den Hochglanzproduktionen von Stars wie David Guetta leise und kraftlos klingt. Dies führte zum sogenannten „Loudness War“, bei dem Produktionen immer stärker komprimiert wurden, um lauter als die Konkurrenz zu sein – oft auf Kosten der Dynamik und Klangqualität. KI-Dienste sind oft darauf trainiert, diesen lauten, druckvollen Sound zu erzeugen. Doch in der Welt des Streamings ist diese Denkweise veraltet.

Plattformen wie Spotify, Apple Music und YouTube verwenden einen Prozess namens Loudness Normalization. Das bedeutet, sie messen die durchschnittliche Lautheit (LUFS – Loudness Units Full Scale) jedes Tracks und passen sie an einen Zielwert an. Bei Spotify ist der Standard-Normalisierungswert zum Beispiel -14 LUFS ist der empfohlene Lautheitswert. Ein extrem lauter Track wird also einfach leiser gedreht, während ein dynamischerer, leiserer Track angehoben wird. Ein überkomprimiertes Master verliert durch das Herunterregeln nur an Wirkung und klingt am Ende flach und leblos.

Es geht also nicht darum, so laut wie möglich zu sein, sondern darum, ein Master zu erstellen, das bei -14 LUFS gut klingt und seine Dynamik und seinen Punch behält. Das Ziel ist nicht maximale Lautheit, sondern optimale Translation – also die Eigenschaft eines Songs, auf allen Wiedergabesystemen, von Laptop-Lautsprechern bis zur Club-PA, gut zu klingen. Dies erfordert eine sorgfältige Balance von Kompression, EQ und Limiting, eine Aufgabe, die strategische Entscheidungen und Erfahrung erfordert, nicht das blinde Anstreben einer Zahl.

Am Ende ist Musik keine exakte Wissenschaft, und das ist ihre Stärke. Ein Algorithmus basiert auf Regeln, aber großartige Musik bricht sie oft. Ein erfahrener Engineer weiß, wann man sich an die Regeln halten und wann man sie bewusst ignorieren sollte, um eine einzigartige künstlerische Aussage zu schaffen.

Musik hat keine Regeln. Und wie kann ein Algorithmus, eine Sammlung von Regeln, auf Musik angewendet werden? Es gibt nicht eine Art, ‚einen Bass zu EQen‘. Man kann das an drei aufeinanderfolgenden Tagen bei diesem Job tun und es jedes Mal völlig anders machen. Alle drei Wege werden für diese speziellen Projekte ‚richtig‘ sein.

– Sean Magee, Abbey Road Studios Mastering Engineer

Um wirklich neben den Großen zu bestehen, müssen Sie verstehen, wie Lautheit im Streaming-Zeitalter funktioniert und warum Dynamik wichtiger ist als Pegel.

Die Entscheidung, wie Sie Ihre Musik finalisieren, ist eine der wichtigsten auf Ihrem Weg als Künstler. Betrachten Sie sie nicht als reinen Kostenfaktor, sondern als strategische Investition in die Qualität und Langlebigkeit Ihrer Kunst. Bewerten Sie, ob Sie ein schnelles Werkzeug für einen Entwurf oder einen erfahrenen Partner für Ihr Meisterwerk benötigen.

Häufig gestellte Fragen zum Thema KI-Mastering

Was bedeutet ‚mir fehlt Wärme im Sound‘?

Dies deutet meist auf fehlende Sättigung in den Mitten (800Hz-2kHz) oder zu präsente Höhen hin. Ein Engineer kann gezielt nachfragen und anpassen, während eine KI diese subjektive Rückmeldung kaum interpretieren kann.

Wie kommuniziere ich Probleme im Bassbereich am besten?

Statt „dumpf“ ist eine spezifische Beschreibung hilfreicher. Zum Beispiel: „Der Bassbereich unter 100Hz ist undifferenziert“ oder „Die Kickdrum bei 60Hz überdeckt den Bass“. Dies ermöglicht einem menschlichen Engineer gezielte Korrekturen.

Kann eine KI mein künstlerisches Feedback verstehen?

Nein, in der Regel nicht. KI-Systeme haben Schwierigkeiten, subtile emotionale Nuancen oder künstlerische Absichten hinter Feedback wie „es soll roher klingen“ zu erfassen. Diese Art der Interpretation und des Dialogs ist eine Kernkompetenz menschlicher Engineers.

Geschrieben von Lena Lena Vogt, Diplom-Toningenieurin und Mastering-Expertin, spezialisiert auf elektronische Tanzmusik. Inhaberin eines renommierten Studios für Mixdown und Akustik-Optimierung.