Veröffentlicht am November 19, 2024

Die Anerkennung als Kulturstätte ist kein Freifahrtschein, sondern ein strategisches Werkzeug im Kampf um die Existenz unserer Clubs.

  • Die rechtliche Aufwertung muss aktiv genutzt werden, um konkrete Förderungen wie für Schallschutz zu sichern und politischen Druck aufzubauen.
  • Clubs sind nicht nur Partyorte, sondern Innovationslabore für gesellschaftliche Vielfalt, Awareness und künstlerische Avantgarde.

Empfehlung: Nutzen Sie die hier präsentierten wirtschaftlichen und kulturellen Argumente, um den unschätzbaren Wert Ihres Clubs gegenüber Politik und Verwaltung zu belegen.

Die Entscheidung des Bundestags, Clubs und Live-Spielstätten rechtlich als Kultureinrichtungen anzuerkennen, war ein historischer Sieg für die deutsche Clubszene. Nach Jahren des Kampfes wurde endlich auf höchster Ebene bestätigt, was wir als Betreiber, Künstler und Aktivisten schon immer wussten: Clubs sind mehr als nur Vergnügungsstätten mit reduziertem Mehrwertsteuersatz. Sie sind pulsierende Herzen der Stadtkultur, Schutzräume für Subkulturen und entscheidende Wirtschaftsmotoren. Viele dachten, der Kampf sei damit gewonnen.

Doch diese Annahme ist ein gefährlicher Trugschluss. Die Realität sieht anders aus: Gentrifizierung, Lärmbeschwerden, steigende Mieten und ein Mangel an bezahlbaren Flächen bedrohen unsere Existenz weiterhin. Die rechtliche Anerkennung ist kein Schutzschild, das uns unverwundbar macht. Sie ist vielmehr ein entscheidendes strategisches Werkzeug, das wir nun lernen müssen, gezielt einzusetzen. Es geht nicht mehr nur darum, als Kultur zu gelten, sondern darum, diesen Status in konkrete politische und stadtplanerische Maßnahmen zu übersetzen.

Doch wie wandelt man einen rechtlichen Status in handfeste Argumente und Schutzmechanismen um? Wenn die wahre Herausforderung nicht die Anerkennung selbst, sondern deren aktive Verteidigung und Nutzung im alltäglichen stadtpolitischen Konflikt ist? Dieser Artikel ist ein Leitfaden für uns – für Clubbetreiber und Kulturaktivisten. Er liefert die Argumente, Daten und Strategien, um den unschätzbaren Wert unserer Arbeit zu beweisen und unsere Räume für die Zukunft zu sichern.

Wir werden die größten Bedrohungen analysieren, die verfügbaren Instrumente beleuchten und eine Vision für die Rolle der Clubkultur in der Stadt von morgen entwickeln. Denn der Kampf um unsere Kultur hat gerade erst begonnen.

Wie schützt man eine Location vor Gentrifizierung und Lärmbeschwerden der Nachbarn?

Der größte Feind der Clubkultur ist nicht die Politik, sondern der Immobilienmarkt. Die Aufwertung von Stadtvierteln, die wir oft selbst angestoßen haben, führt paradoxerweise zu unserem eigenen Untergang. Steigende Mieten und neuzugezogene Anwohner, die sich über Lärm beschweren, bilden eine toxische Mischung, die uns aus den Innenstädten verdrängt. Die aktuelle Lage ist prekär: Laut einer Umfrage der Clubcommission schätzen 67 % der Clubs ihre wirtschaftliche Prognose schlecht ein. Dies zeigt, dass die rechtliche Anerkennung allein keine Mieten senkt und keine Lärmkonflikte löst.

Die Baunutzungsverordnung (BauNVO) ist hierbei ein zentrales Schlachtfeld. Auch wenn Clubs nun als Kulturstätten gelten, werden sie in der Praxis oft weiterhin wie Vergnügungsstätten behandelt. Georg Kössler, kulturpolitischer Sprecher der Grünen in Berlin, brachte es auf den Punkt, als er in einem taz-Interview zur Aufwertung der Berliner Clubs feststellte, dass die Bewertung von Clubs eine rein politische Entscheidung sei, die nicht automatisch rechtlich wirkmächtig ist. Das bedeutet für uns: Wir müssen auf kommunaler Ebene für jeden einzelnen Club kämpfen und den Kulturstatus als Argument in Genehmigungsverfahren und bei der Erstellung von Bebauungsplänen einbringen. Proaktive Kommunikation mit der Nachbarschaft, die Teilnahme an Runden Tischen und die Dokumentation unserer kulturellen Arbeit sind überlebenswichtig.

Es geht darum, Allianzen zu schmieden und den unschätzbaren Beitrag unserer Locations für die soziale und kulturelle Infrastruktur des Viertels sichtbar zu machen, bevor der erste Bagger rollt. Wir müssen beweisen, dass wir mehr sind als Lärm – wir sind Kultur, Begegnungsort und ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität.

Ihr Aktionsplan zur Standortsicherung

  1. Risikoanalyse: Identifizieren Sie alle potenziellen Konfliktpunkte. Wer sind die neuen Investoren im Viertel? Welche Bauprojekte sind geplant? Welche Anwohner könnten sich beschweren?
  2. Dokumentation: Sammeln Sie Belege für Ihre kulturelle Arbeit. Dokumentieren Sie Konzerte, Lesungen, Workshops, DJ-Sets von Nachwuchskünstlern und Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen.
  3. Netzwerk aufbauen: Bauen Sie proaktiv Beziehungen zur lokalen Politik, zu Anwohnerinitiativen und anderen Gewerbetreibenden auf. Organisieren Sie Tage der offenen Tür oder Nachbarschaftsfeste.
  4. Rechtliche Prüfung: Lassen Sie Ihren Mietvertrag und den geltenden Bebauungsplan von einem Fachanwalt prüfen. Welche Schutzmechanismen gibt es? Wo liegen die Schwachstellen?
  5. Kommunikationsstrategie: Entwickeln Sie eine klare Strategie, um den kulturellen und wirtschaftlichen Mehrwert Ihres Clubs zu kommunizieren. Nutzen Sie Social Media, Pressemitteilungen und persönliche Gespräche.

Welche Töpfe stehen für Schallschutzmaßnahmen in deutschen Clubs zur Verfügung?

Lärm ist das häufigste Argument, das gegen uns verwendet wird. Doch anstatt ihn als unvermeidbares Problem zu sehen, müssen wir ihn als technische Herausforderung betrachten, die lösbar ist. Hochwertiger Schallschutz ist die effektivste Waffe im Kampf gegen Lärmbeschwerden und damit ein zentraler Baustein zur Standortsicherung. Solche Investitionen sind jedoch teuer und für viele Clubs finanziell kaum zu stemmen. Genau hier wird der Status als Kulturstätte zum strategischen Hebel. Er öffnet Türen zu Fördertöpfen, die reinen Vergnügungsstätten verschlossen bleiben.

Ein wegweisendes Beispiel ist der Berliner Lärmschutzfonds. Seit 2018 stellt der Senat gezielt Mittel bereit, damit Clubs in professionelle Schallschutzmaßnahmen investieren können. Wie in einem Bericht über die Anerkennung von Clubs als Kulturstätten dargelegt, ermöglicht dieser Fonds den Betreibern, die gesetzlichen Lärmschutzauflagen zu erfüllen, ohne ihre kulturelle Arbeit oder ihre Existenz zu gefährden. Dies ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus einem abstrakten Rechtsstatus eine konkrete finanzielle Unterstützung wird. Unsere Aufgabe ist es, auf Landes- und Kommunalebene für die Einrichtung ähnlicher Fonds zu kämpfen und bestehende Kulturförderprogramme für solche baulichen Maßnahmen zu öffnen.

Diese Investitionen sind keine reinen Kosten, sondern eine Investition in die Zukunft. Sie professionalisieren unseren Betrieb, sichern den Frieden mit der Nachbarschaft und demonstrieren unseren Willen zur Koexistenz im urbanen Raum. Die visuelle Komplexität solcher Maßnahmen zeigt, dass es sich um hochtechnische Lösungen handelt.

Detailaufnahme von Schallschutz-Installation in einem Club

Durch die Nutzung solcher Förderprogramme beweisen wir nicht nur unsere Professionalität, sondern stärken auch unser politisches Argument: Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und in Lösungen zu investieren, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Jeder Euro an öffentlicher Förderung für Schallschutz ist ein Bekenntnis der Stadt zu ihrer Clubkultur.

Türpolitik oder Safe Space: Wie garantiert man Vielfalt auf dem Dancefloor?

Die kulturelle Bedeutung eines Clubs bemisst sich nicht nur am musikalischen Programm, sondern vor allem an seiner sozialen Funktion. Clubs sind im besten Fall gesellschaftliche Innovationslabore: Orte, an denen soziale Normen verhandelt, neue Identitäten erprobt und diskriminierungsfreie Räume – sogenannte Safe Spaces – geschaffen werden. Eine strenge, aber faire Türpolitik ist oft das erste Instrument, um einen solchen Raum zu kuratieren und zu schützen. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst hinter der Tür. Es geht darum, eine Atmosphäre des Respekts, der Achtsamkeit und der Inklusion zu schaffen.

Dieses Engagement für Diversität und Awareness ist ein Kernargument für unseren Kulturstatus. Es hebt uns fundamental von reinen Konsumorten ab. Ein herausragendes Beispiel für die politische Anerkennung dieser Arbeit ist der „Tag der Clubkultur“ in Berlin. Wie die Clubcommission berichtet, werden hier jährlich 40 Clubs und Kollektive ausgezeichnet, die sich durch innovative Programme, die Förderung von Diversität und den Einsatz von Awareness-Teams hervortun. Diese Auszeichnung ist mit einer Förderung von je 10.000 Euro verbunden – ein klares Signal, dass die Politik diesen sozialen Mehrwert nicht nur anerkennt, sondern auch finanziell unterstützt.

Die politische Unterstützung für die Clubszene, wie sie etwa der ehemalige Kultursenator Klaus Lederer während der Pandemie zeigte, ist von unschätzbarem Wert. Lutz Leichsenring von der Clubcommission betonte in einem Interview die Bedeutung dieser Rückendeckung, die es ermöglichte, Initiativen wie den Tag der Clubkultur auch in Krisenzeiten fortzuführen. Indem wir unsere Clubs bewusst als sichere Räume für marginalisierte Gruppen positionieren und dies aktiv nach außen tragen, schaffen wir ein unschlagbares Argument. Wir sind keine reinen Unterhaltungsbetriebe, sondern essenzielle Bestandteile der sozialen Infrastruktur einer offenen und toleranten Gesellschaft.

Die unterschätzte Bedeutung des „Techno-Tourismus“ für die lokale Wirtschaft

Während wir für unseren kulturellen Wert kämpfen, dürfen wir unser stärkstes wirtschaftliches Argument nicht vernachlässigen: die „Nachtökonomie“. Die Anziehungskraft unserer Clubs, insbesondere in Metropolen wie Berlin, generiert einen erheblichen Teil des städtischen Tourismus. Diese Besucher kommen nicht für Museen oder Sehenswürdigkeiten – sie kommen für unsere einzigartige Clubkultur. Dieser „Techno-Tourismus“ ist ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor, der oft unterschätzt wird. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Clubkultur Studie von 2019 bezifferte den durch Club-Touristen generierten Jahresumsatz allein in Berlin auf 1,5 Milliarden Euro.

Diese Touristen sind keine Billig-Reisenden. Sie bleiben länger und geben mehr Geld aus. Eine frühere Studie der Clubcommission zeigte, dass Clubtouristen durchschnittlich 2,4 Tage in der Stadt verbringen und dabei 205 Euro pro Tag ausgeben. Dieses Geld fließt nicht nur in unsere Kassen, sondern auch in Hotels, Restaurants, Taxis und den Einzelhandel. Jeder Club, der schließt, reißt ein Loch in dieses ökonomische Gefüge. Wir sind nicht nur Kulturträger, sondern auch Arbeitgeber und wichtige Auftraggeber für eine Vielzahl von Dienstleistern. Diese wirtschaftliche Verflechtung müssen wir in jeder politischen Diskussion in die Waagschale werfen.

Weitwinkelaufnahme einer belebten Berliner Straße mit Clubbesuchern bei Nacht

Wenn Politiker von der Förderung des Tourismus oder der Stärkung der lokalen Wirtschaft sprechen, müssen wir zur Stelle sein und aufzeigen, dass der Schutz der Clubkultur eine der effektivsten Formen der Wirtschaftsförderung ist. Die Investition in Schallschutz, die Sicherung von Standorten und die Vereinfachung von Genehmigungsverfahren sind keine Almosen für eine Nischenkultur, sondern eine strategische Investition in die wirtschaftliche Zukunft der Stadt. Unsere Dancefloors sind die Motoren einer global wettbewerbsfähigen Tourismusbranche.

Drogenprävention im Club: Wann ist ein Drug-Checking-Angebot rechtlich möglich?

Das Thema Drogenkonsum wird oft als Argument gegen uns instrumentalisiert. Doch anstatt es zu tabuisieren, müssen wir es proaktiv und verantwortungsvoll angehen. Ein moderner, aufgeklärter Ansatz zur Drogenprävention ist ein weiteres starkes Merkmal, das uns als Kulturstätten auszeichnet. Es geht nicht darum, Konsum zu fördern, sondern darum, Schaden zu minimieren (Harm Reduction) und eine Kultur der Achtsamkeit zu etablieren. Dies geschieht durch Awareness-Teams, geschultes Personal und, wo rechtlich möglich, durch Drug-Checking-Angebote.

Die rechtliche Lage für Drug-Checking ist in Deutschland komplex und von Bundesland zu Bundesland verschieden, doch es gibt Bewegung. Pilotprojekte in Berlin und Thüringen zeigen, dass solche Angebote in einem kontrollierten Rahmen machbar sind und Leben retten können. Indem wir als Clubbetreiber solche Projekte unterstützen oder einfordern, beweisen wir ein hohes Maß an sozialer Verantwortung. Wir zeigen, dass uns die Gesundheit unserer Gäste am Herzen liegt und wir bereit sind, über den reinen Barbetrieb hinauszudenken. Die Anerkennung als Kulturstätte kann uns dabei helfen, als seriöse Partner für solche gesundheitspolitischen Initiativen wahrgenommen zu werden.

Initiativen, die aus der Szene selbst kommen, sind hierbei besonders wertvoll. Beim Tag der Clubkultur 2024 wurde beispielsweise das Kollektiv „Gay Consent Lab“ ausgezeichnet, das Workshops zu Themen wie Sex und Drogen in der Gay-Community anbietet. Wie unter anderem tip-berlin berichtete, finden im Club Renate regelmäßig Talks von „Sonar“ zu Safer-Nights-Themen statt. Solche Beispiele zeigen: Prävention und Aufklärung sind bereits fester Bestandteil unserer Kultur. Wir müssen diese Arbeit nur noch sichtbarer machen und politisch als das einfordern, was sie ist: ein unverzichtbarer Beitrag zur öffentlichen Gesundheit.

Es wird gesagt, Clubs und Kultur seien wichtig für Berlin – dann sollte man jetzt auch zeigen, dass man das ernst meint.

– Herrmann, Bezirkspolitiker, zur Grundsteuerreform

Zwischennutzung als Chance: Wie beleben temporäre Clubs tote Stadtviertel?

Der stetige Verlust von Flächen ist die größte Bedrohung für die Clubkultur. Die Clubcommission hat berechnet, dass der Berliner Club- und Festivallandschaft in den nächsten Jahren rund 30.000 m² an Flächen fehlen werden. In diesem Klima des Mangels wird die temporäre Nutzung von Brachflächen, leerstehenden Industriegebäuden oder ungenutzten Arealen zur überlebenswichtigen Strategie. Die „Zwischennutzung“ ist mehr als nur eine Notlösung; sie ist eine Form der kreativen Raumaneignung, die tote Stadtviertel mit Leben füllt und neue kulturelle Impulse setzt.

Temporäre Clubs und Open-Air-Veranstaltungen schaffen Sichtbarkeit, ziehen ein junges, kreatives Publikum an und können der erste Schritt zur permanenten Etablierung eines Kulturstandortes sein. Sie sind Experimentierfelder für neue Konzepte und bieten eine Plattform für Künstler, die in etablierten Venues vielleicht keinen Platz finden. Für uns als Betreiber ist es essenziell, dass wir uns bei der Stadtplanung als Experten für Zwischennutzung positionieren. Wir müssen aktiv auf die Bezirke und Immobilieneigentümer zugehen und Konzepte für die temporäre Bespielung von Leerstand vorlegen.

Doch oft stehen wir im direkten Konflikt mit städtischen Großprojekten, die Kulturflächen vernichten. Der geplante Weiterbau der Stadtautobahn A100 in Berlin ist ein dramatisches Beispiel, das zahlreiche etablierte Kulturräume wie das ://about blank bedroht.

Fallbeispiel: Protest gegen die A100 – „A100 wegbassen“

Der Kampf gegen den Ausbau der A100 zeigt, wie der stadtpolitische Konflikt auf die Spitze getrieben wird. Als Reaktion auf die akute Bedrohung zahlreicher Clubs und Kulturräume organisierte ein breites Bündnis, unterstützt von der Clubcommission, im September 2024 eine Demonstration unter dem Motto „A100 wegbassen“. Wie die Clubcommission in einer Pressemitteilung darlegte, war dies nicht nur ein Protest, sondern eine kraftvolle Demonstration des Willens der Szene, ihre Räume zu verteidigen. Diese Mobilisierung zeigt, dass wir eine politische Kraft sind, die für ihre Interessen auf die Straße geht.

Solche Konflikte machen deutlich, dass wir einen langen Atem brauchen. Der Kampf um jeden Quadratmeter ist ein politischer Kampf um die Zukunft unserer Städte: Beton oder Kultur?

Szene-Club oder Großraumdisco: Wo findet man noch echte Innovation?

Der wirtschaftliche Druck zwingt viele Clubs, auf Nummer sicher zu gehen. Mainstream-Bookings versprechen volle Kassen, während experimentelle Nischenprogramme ein finanzielles Risiko darstellen. Das Ergebnis ist eine zunehmende Homogenisierung der Clublandschaft. Genau hier liegt die Gefahr für unseren Kulturstatus: Wenn wir aufhören, Orte der künstlerischen Innovation und des musikalischen Wagnisses zu sein, werden wir austauschbar. Eine aktuelle Umfrage der Clubcommission ist alarmierend: 76 % der befragten Clubs passen bereits ihr Programm an, um wirtschaftlich zu überleben. Dies bedeutet oft weniger Raum für Newcomer, unkonventionelle Genres und subkulturelle Experimente.

Echte Innovation findet heute oft in kleineren Szene-Clubs, in Kollektiven oder bei temporären Veranstaltungen statt. Diese Orte sind die Brutstätten für die Sounds und Stile von morgen. Sie sind die Forschung und Entwicklung der Clubkultur. Als Betreiber und Aktivisten müssen wir diese fragilen Ökosysteme schützen und fördern. Das bedeutet auch, den Mut zu haben, unpopuläre, aber künstlerisch wertvolle Programme anzubieten und dafür bei der Kulturförderung gezielt Unterstützung zu beantragen. Der Status als Kulturstätte gibt uns das Argument, nicht nur nach kommerziellen, sondern auch nach künstlerischen Kriterien bewertet und gefördert zu werden.

Wir müssen der Politik klarmachen, dass Kürzungen im Kulturbudget direkt die Innovationskraft unserer Szene treffen und langfristig den Ruf Berlins und anderer deutscher Städte als globale Kulturmetropolen untergraben. Es ist ein Angriff auf unser Herzstück.

Unsere Club Kultur ist ein wertvolles Gut, das weit über die Stadtgrenzen hinaus wirkt und Berlin weltweit einzigartig macht. Die geplanten Kürzungen des Kulturbudgets treffen uns mitten ins Herz.

– Marcel Weber, Vorsitzender der Clubcommission, in einer Stellungnahme

Die Verteidigung der Nische ist die Verteidigung unserer Zukunft. Nur wenn wir Raum für das Unbekannte lassen, bleiben wir relevant und beweisen, dass wir mehr sind als Großraumdiscos: Wir sind die Avantgarde.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Status als Kulturstätte ist kein Selbstläufer, sondern ein politisches Werkzeug, das aktiv im Kampf gegen Gentrifizierung und Bürokratie eingesetzt werden muss.
  • Die wirtschaftliche Macht der Nachtökonomie (1,5 Mrd. € Umsatz allein durch Clubtouristen in Berlin) ist ein zentrales Argument gegenüber der Politik.
  • Clubs beweisen ihren kulturellen Wert durch die Schaffung von Safe Spaces, die Förderung von Diversität, proaktive Drogenprävention und als Innovationslabore für Musik und Kunst.

Wie beeinflusst die „24-Stunden-Stadt“ die Lebensqualität der Anwohner?

Die Vision der „24-Stunden-Stadt“ ist mehr als nur durchgehender U-Bahn-Verkehr und nächtliche Öffnungszeiten. Es ist ein ganzheitliches Konzept, das die Nacht als integralen Bestandteil des städtischen Lebens anerkennt und gestaltet. Für uns als Clubbetreiber ist diese Vision eine riesige Chance. Sie bedeutet, dass unsere Arbeit nicht als Störfaktor, sondern als essenzielle Dienstleistung für eine moderne Metropole verstanden wird. Eine gut gemanagte Nachtökonomie verbessert nicht nur das kulturelle Angebot, sondern kann auch die Lebensqualität für alle erhöhen, indem sie Konflikte minimiert und Synergien schafft.

Ein Meilenstein in diese Richtung ist die Berliner Nachtökonomie-Strategie, die im Juni 2024 vorgestellt wurde. An diesem Strategiepapier, das 30 konkrete Handlungsempfehlungen enthält, arbeiteten neben der Clubcommission Institutionen wie visitBerlin, die BVG und der Hotel- und Gaststättenverband mit. Das Ziel: die Förderung von Vielfalt, nachhaltigem Tourismus und die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen für Nachtakteure. Dieses Dokument ist der Beweis, dass wir als Clubkultur als seriöser und unverzichtbarer Partner in der strategischen Stadtentwicklung anerkannt sind.

Diese Strategie ist das Ergebnis jahrelanger politischer Arbeit und Vernetzung. Sie zeigt, wohin der Weg führen muss: weg von der reaktiven Problembekämpfung, hin zur proaktiven Gestaltung der Nacht. Lutz Leichsenring, einer der Initiatoren, betonte die Wichtigkeit, solche Konzepte fest in die Stadtplanung zu integrieren, um die Nachtökonomie langfristig zu schützen. Genau das ist unsere Aufgabe für die Zukunft: Wir müssen dafür sorgen, dass die Empfehlungen der Nachtökonomie-Strategie nicht in der Schublade verschwinden, sondern in den Bezirken und Senatsverwaltungen umgesetzt werden. Wir sind die Experten der Nacht – und es ist an der Zeit, dass unsere Expertise die Stadt von morgen formt.

Um die Weichen für die Zukunft zu stellen, ist es entscheidend, die Prinzipien einer integrierten 24-Stunden-Stadt zu verstehen und politisch einzufordern.

Die Anerkennung als Kulturstätte war der erste Schritt. Nun liegt es an uns, mit diesen Argumenten, dem wirtschaftlichen Gewicht und unserem kulturellen Selbstverständnis den nächsten zu gehen. Engagieren Sie sich in den lokalen Gremien, vernetzen Sie sich mit anderen Betreibern und nutzen Sie die hier dargelegten Fakten, um den unersetzlichen Wert Ihrer Arbeit zu verteidigen. Der Kampf um die Seele unserer Städte wird auch auf den Dancefloors entschieden.

Geschrieben von Sarah Sarah Behrens, Kulturwissenschaftlerin, Musikjournalistin und Awareness-Koordinatorin. Expertin für Clubgeschichte, Diversität und soziale Dynamiken im Nachtleben.