Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Tech-House dominiert die Clubszene nicht zufällig, sondern durch eine perfektionierte Formel, die technische Reduktion mit sofort wiedererkennbarer Nostalgie verbindet.

  • Der Sound kombiniert minimalistische Techno-Elemente mit dem unwiderstehlichen Groove von House, was ihn extrem tanzbar macht.
  • Die strategische Nutzung von Vocal-Samples aus 90er- und 00er-Jahre-Hits schafft einen sofortigen emotionalen Anker und macht die Tracks streaming- und social-media-kompatibel.

Empfehlung: Achten Sie bei aktuellen Tech-House-Hits bewusst auf die Balance zwischen dem hypnotischen, rollenden Bass und dem vertrauten Vocal-Sample – darin liegt der Schlüssel zum Verständnis des aktuellen Hypes.

Man steht in einem Club in Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Der Bass ist physisch spürbar, ein rollender, unerbittlicher Puls. Die Hi-Hats zischen präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Und dann setzt eine Stimme ein, die eine seltsame Vertrautheit auslöst – ein Fragment aus einem Hip-Hop-Track der 90er oder einer Disco-Hymne der 00er-Jahre, zerlegt und neu kontextualisiert. Dieses Phänomen hat einen Namen: Tech-House. Für viele House-Fans der alten Schule markiert dieser Sound eine Verschiebung hin zu etwas Technischerem, vielleicht sogar Seelenloserem. Die gängige Erklärung, es sei nur eine simple Mischung aus Techno und House, greift viel zu kurz.

Die Wahrheit ist komplexer und strategischer. Der Siegeszug von Tech-House ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer cleveren Evolution, die perfekt auf das digitale Musikzeitalter zugeschnitten ist. Der Hype um Künstler wie FISHER und John Summit ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegt ein Fundament aus präziser Sound-Ökonomie, psychologisch wirksamen Nostalgie-Hebeln und einer Struktur, die sowohl im Peak-Time-DJ-Set als auch in einer 15-sekündigen Instagram-Story funktioniert. Es geht nicht darum, ob der Hype die Seele des Genres zerstört hat, sondern zu verstehen, dass dieser Hype ein integraler Bestandteil seiner neuen Identität geworden ist.

Dieser Artikel analysiert die DNA des modernen Tech-House. Wir zerlegen den charakteristischen Groove, entschlüsseln die Psychologie hinter dem Vocal-Sampling und untersuchen, welche Labels und Mixing-Techniken den Sound heute definieren. Es ist eine Reise in das Herz einer musikalischen Formel, die zeigt, wie sich House Music im 21. Jahrhundert neu erfindet, um an der Spitze zu bleiben.

Um die verschiedenen Facetten dieses Phänomens zu beleuchten, gliedert sich unsere Analyse in mehrere Kernbereiche, die von den grundlegenden Sound-Elementen bis hin zu den strategischen Gründen für seine Langlebigkeit reichen.

Rolling Bass vs. Stabs: Was macht den typischen Tech-House Groove aus?

Das Fundament jedes Tech-House-Tracks ist sein unverkennbarer Groove, eine meisterhafte Balance zwischen zwei Polen: dem hypnotischen Sog des House und der rohen Energie des Techno. Der charakteristische „Rolling Bass“ ist dabei das Herzstück. Anders als die oft melodischeren Basslines des klassischen House, ist dieser Bass tiefer, subtiler und repetitiver. Er erzeugt einen konstanten, fast unmerklichen Druck, der sich weniger auf eine Melodie als auf eine physische Bewegung konzentriert. Es ist ein Groove, der den Körper packt, bevor der Kopf ihn überhaupt analysiert hat. Dieser minimalistische Ansatz stammt direkt aus der Techno-DNA, wo der Fokus auf Rhythmus und Textur liegt.

Dem gegenüber stehen die „Stabs“ – kurze, perkussive Synthesizer-Akkorde oder Soundeffekte. Sie durchbrechen die Monotonie des rollenden Basses und setzen präzise Akzente. Während Progressive House oft auf flächige, atmosphärische Pads setzt, arbeitet Tech-House mit einer reduzierten Sound-Ökonomie. Jeder Sound hat eine klare Funktion und ist auf maximale Wirkung bei minimalem Einsatz getrimmt. Es ist, wie es eine Analyse treffend beschreibt, der Versuch, den „stahlharten Techno-Beats einen Spritzer Farbe zu verleihen“. Diese Kombination aus einem unerbittlichen, rollenden Fundament und scharfen, rhythmischen Akzenten erzeugt eine Spannung, die für die Tanzfläche unwiderstehlich ist.

Ein Paradebeispiel, das diesen Sound für den Mainstream definierte, ist Fishers Track „Losing It“ aus dem Jahr 2018. Der Track gilt als Meilenstein, der den Tech-House-Sound im Bereich der elektronischen Tanzmusik etablierte. Seine Struktur ist ein Lehrbuchbeispiel: ein simpler, aber extrem treibender Basslauf, gepaart mit einem ikonischen Synth-Riff, das als Stab fungiert und die Energie immer wieder auf den Höhepunkt treibt. Es ist diese Effizienz, die den typischen Tech-House-Groove ausmacht: maximaler rhythmischer Impact mit minimalen melodischen Elementen.

Fisher und Co.: Hat der Hype die Seele des Genres zerstört?

Keine Diskussion über modernen Tech-House ist vollständig ohne die Nennung von Künstlern wie Fisher, Chris Lake oder John Summit. Diese Namen sind untrennbar mit dem explosionsartigen Wachstum und der Kommerzialisierung des Genres verbunden. Kritiker argumentieren, dass der durch virale Hits und exzentrische Social-Media-Persönlichkeiten erzeugte Hype die ursprüngliche, subtilere Seele des Tech-House verraten hat. Doch eine genauere Betrachtung der Daten zeigt ein differenzierteres Bild: Der Hype ist nicht der Zerstörer, sondern der Motor der aktuellen Dominanz.

Die Persönlichkeit eines Künstlers ist heute ebenso Teil des Produkts wie die Musik selbst. Fishers exzentrischer Humor und John Summits „Work hard, play hard“-Image haben eine riesige Fangemeinde geschaffen, die weit über die Grenzen der traditionellen Club-Community hinausgeht. Diese Künstler haben die Streaming-Kompatibilität des Genres perfektioniert. Ihre Tracks sind so konzipiert, dass sie sofort ins Ohr gehen und in Playlists funktionieren, was ihnen immense Reichweite verschafft. Während Puristen die Einfachheit und Formelhaftigkeit kritisieren, ist es genau diese Zugänglichkeit, die Millionen neuer Hörer anzieht.

Ein Blick auf die Verkaufs- und Streaming-Zahlen von Beatport untermauert diese These. Der australische DJ FISHER, eine der schillerndsten Figuren des Hypes, tauchte allein 2024 fünfmal in den Top 10 der meistverkauften Tech-House-Tracks auf. Gleichzeitig zeigt eine Beatport Insider-Analyse, dass John Summit seit 2021 den ersten Platz als meistverkaufter und meistgestreamter Tech-House-Künstler hält. Diese Zahlen belegen, dass kommerzieller Erfolg und künstlerische Relevanz im heutigen Markt Hand in Hand gehen.

Der folgende Vergleich zeigt, wie sich die Dominanz der Top-Künstler in Verkaufs- und Streaming-Zahlen widerspiegelt:

Top Tech-House Artists: Sales vs. Streaming
Position Best-Selling Artist Most-Streamed Artist
1 John Summit John Summit
2 Biscits FISHER (OZ)
3 Piero Pirupa Dom Dolla
4 Cloonee Biscits
5 Martin Ikin Cloonee

Anstatt die Seele des Genres zu zerstören, hat der Hype-Zyklus ihm eine neue, kommerziell schlagkräftige Seele eingehaucht. Die Protagonisten dieses Hypes haben verstanden, wie man im Streaming-Zeitalter Relevanz schafft – durch eine untrennbare Verbindung von Musik, Marke und Persönlichkeit.

Warum basieren 90% der Hits auf alten Hip-Hop oder Disco Vocals?

Ein weiteres entscheidendes Merkmal des modernen Tech-House-Erfolgs ist der omnipräsente Einsatz von Vocal-Samples aus bekannten Hits der Vergangenheit. Ob ein A-cappella von Whitney Houston, eine Zeile von The Notorious B.I.G. oder der Refrain eines Bob-Marley-Klassikers – diese nostalgischen Fragmente sind der emotionale Klebstoff, der die minimalistischen, technischen Beats zusammenhält. Die Frage ist: Warum ist diese Strategie so unglaublich effektiv?

Die Antwort liegt in der menschlichen Psychologie. Ein vertrautes Vocal-Sample fungiert als Nostalgie-Hebel. Es löst beim Hörer einen sofortigen Wiedererkennungseffekt und eine positive emotionale Assoziation aus. In einer Club-Umgebung, in der die Aufmerksamkeit kurz ist, schafft ein bekanntes Sample eine sofortige Verbindung. Der Track fühlt sich augenblicklich vertraut an, selbst wenn man ihn zum ersten Mal hört. Diese Technik senkt die auditive Eintrittsbarriere und macht den Track für ein breiteres Publikum zugänglich – ein entscheidender Vorteil im Kampf um die Aufmerksamkeit auf Streaming-Plattformen und in den sozialen Medien.

Diese Sampling-Kultur ist jedoch eine Gratwanderung. Wird zu viel vom Original verwendet, wirkt der Track schnell wie ein billiges Remake. Die Kunst besteht darin, das Sample sparsam und kreativ einzusetzen. Wie das Magnetic Magazine in einer Rezension bemerkte, als es um ein Sample des Songs „Africa“ von Toto ging: „Sparsamer Einsatz dieser ikonischen Synths bedeutet, dass es nicht zu aufdringlich ist.“ Es geht darum, die Essenz des Originals einzufangen, ohne es zu kopieren, und es in einen neuen, tanzbaren Kontext zu stellen.

Die aktuellen Charts sind voll von Beispielen für diese erfolgreiche Formel. Hier sind nur einige der Top-Tracks von 2024, die auf diesem Prinzip aufbauen:

  • It’s Not Right But It’s Okay – Mr. Belt & Wezol (Sample von Whitney Houstons gleichnamigem Hit)
  • Jamming – Bob Marley & The Wailers, FISHER (OZ) (Ein komplettes Rework des Bob-Marley-Klassikers)
  • Waiting For Tonight – FISHER (OZ), Jennifer Lopez (Ein Remake des 90er-Jahre-Hits von Jennifer Lopez)

Diese Methode ist also weit mehr als eine kreative Abkürzung. Sie ist ein zentraler Baustein der Tech-House-Formel, der technische Präzision mit emotionaler Resonanz verbindet und so die Brücke zwischen Underground-Ästhetik und Mainstream-Erfolg schlägt.

Lange Übergänge oder schnelle Cuts: Was passt zur Energie?

Die Energie eines DJ-Sets wird maßgeblich durch die Art und Weise bestimmt, wie die Tracks miteinander verbunden werden. Im Tech-House, das an der Schnittstelle von House und Techno angesiedelt ist, haben DJs eine besonders große Bandbreite an Mixing-Techniken zur Verfügung. Die grundlegende Frage dabei lautet oft: Setzt man auf lange, fließende Übergänge, die eine hypnotische Reise schaffen, oder auf schnelle, energiegeladene Cuts, die für abrupte Stimmungsschwankungen und Überraschungsmomente sorgen?

Das typische Tempo von Tech-House liefert hierfür die perfekte Grundlage. Ein Produktions-Tutorial erklärt, dass 125-130 BPM das Standard-Tempo für Tech-House ist. Dieser Geschwindigkeitsbereich ist schnell genug, um energetisch zu wirken, aber auch langsam genug, um lange, nahtlose Blends zu ermöglichen. DJs können hier das Beste aus beiden Welten nutzen. Lange Übergänge, bei denen die Basslines zweier Tracks über mehrere Phrasen ineinandergreifen, erzeugen einen tranceartigen Zustand auf der Tanzfläche – ein Erbe der House-Kultur. Dieser Ansatz erfordert Geduld und ein tiefes Verständnis für die harmonische Struktur der Tracks.

Andererseits erlaubt die oft minimalistische und perkussive Natur von Tech-House auch schnelle Cuts und den Einsatz von Loops und Effekten. Ein DJ kann einen 4-Takt-Loop des Breakdowns eines Tracks verwenden, um die Spannung aufzubauen, und dann abrupt in den treibenden Beat des nächsten Tracks „cutten“. Diese Technik, die eher aus der Techno- und Hip-Hop-Kultur stammt, erzeugt sofortige Energie und hält das Publikum auf Trab. Die Reduktion der Tracks auf ihre wesentlichen Elemente – Kick, Bass, Hi-Hat – macht solche schnellen Wechsel möglich, ohne dass es chaotisch klingt.

Weitwinkelaufnahme eines DJs in Bewegung beim Mixing, verschwommene Handbewegungen zeigen die Dynamik zwischen langen und schnellen Übergängen

Letztendlich gibt es keine richtige oder falsche Antwort. Die Wahl der Technik hängt vom DJ, der Uhrzeit und der Reaktion des Publikums ab. Ein guter Tech-House-DJ beherrscht beide Ansätze und weiß, wann er die Menge auf eine lange, hypnotische Reise mitnimmt und wann er mit einem schnellen Cut für einen explosiven Energiestoß sorgt. Diese stilistische Flexibilität ist ein weiterer Grund für die Dominanz des Genres in den Clubs.

Toolroom oder Defected: Welche Labels prägen den Sound aktuell?

Hinter jedem musikalischen Trend stehen Labels, die als Gatekeeper und Kuratoren fungieren. Sie entdecken nicht nur neue Talente, sondern prägen durch ihre Veröffentlichungen maßgeblich den Sound und die Richtung eines Genres. Im Tech-House-Bereich waren lange Zeit Giganten wie Defected, mit seinem soul- und vocal-lastigeren House-Ansatz, und Toolroom, bekannt für seinen soliden, club-tauglichen Sound, die tonangebenden Kräfte. Doch die jüngste Entwicklung zeigt eine Verschiebung der Machtverhältnisse.

Die Analyse der Beatport-Charts offenbart, dass neue, oft von Künstlern selbst geführte Labels an die Spitze drängen. Diese Labels sind agiler und haben ein klares Gespür für die Sounds, die auf der Tanzfläche und auf Streaming-Plattformen funktionieren. Sie sind oft weniger an traditionelle Genre-Grenzen gebunden und spiegeln den eklektischen Geschmack ihrer Gründer wider. Ein prägnantes Zitat aus einem Beatport Insider Report fasst diese Entwicklung zusammen: „Repopulate Mars entthront Toolroom als das meistverkaufte Tech-House-Label.“

Dieser Wandel wird noch deutlicher, wenn man die meistverkauften Labels mit den meistgestreamten Labels vergleicht. Labels wie Catch & Release (von Fisher) und Repopulate Mars (von Lee Foss) dominieren die Charts und zeigen, dass der Erfolg eng mit den Künstlermarken ihrer Gründer verknüpft ist. Sie haben eine direkte Verbindung zu ihrer Fanbase und können Trends schneller aufgreifen und bedienen.

Die folgende Tabelle aus den Beatport-Daten illustriert die aktuelle Landschaft der einflussreichsten Tech-House-Labels:

Top-Selling vs. Most-Streamed Tech House Labels
Rank Best-Selling Labels Most-Streamed Labels
1 Repopulate Mars Catch & Release
2 Toolroom Repopulate Mars
3 Sola Ultra
4 Toolroom Toolroom
5 DIRTYBIRD Sola

Während etablierte Namen wie Toolroom weiterhin eine wichtige Rolle spielen, zeigt sich, dass die Dynamik des Genres heute von einer neuen Generation von Künstler-Labels bestimmt wird. Sie sind das Epizentrum des Hypes und die treibende Kraft hinter der ständigen Weiterentwicklung des Tech-House-Sounds.

Soulful Vocals oder technischer Loop: Was funktioniert besser zur Prime-Time?

Die Prime-Time in einem Club, grob zwischen 1 und 3 Uhr nachts, ist der Moment, in dem die Energie am höchsten ist. Hier muss ein DJ die wichtigsten Entscheidungen treffen, um die Tanzfläche am Kochen zu halten. Im Tech-House kristallisiert sich dabei eine zentrale Frage heraus: Setzt man auf den emotionalen Höhepunkt durch einen Track mit einem soulvollen, eingängigen Vocal oder auf die hypnotische, treibende Kraft eines rein technischen, perkussiven Loops?

Der Einsatz von soulvollen Vocals ist ein klassisches House-Element. Ein Gesangs-Hook, oft ein einfacher Einzeiler mit viel Soul-Attitüde, dient als emotionaler Anker. Er gibt dem Publikum etwas, woran es sich festhalten und mitsingen kann, und erzeugt einen kollektiven Moment der Euphorie. Diese Tracks haben oft einen hohen Wiedererkennungswert und sind, wie eine Analyse feststellt, ein Grund, warum dem Genre eine gewisse Kommerzialisierung nachgesagt wird. Sie sind perfekt, um einen emotionalen Gipfel im Set zu schaffen und die Hände der Menge in die Luft zu reißen.

Makroaufnahme erhobener Hände in der Menge während des Peak-Moments, Laserstrahlen durchschneiden den Nebel

Auf der anderen Seite steht der technische Loop. Hier wird auf eingängige Vocals verzichtet und der Fokus voll und ganz auf den Rhythmus gelegt. Ein unerbittlicher Beat, eine komplexe Percussion-Schleife und eine treibende Bassline erzeugen einen hypnotischen Sog. Diese Art von Track zielt nicht auf den schnellen emotionalen Kick, sondern auf einen tranceartigen Zustand, in dem man sich im Rhythmus verliert. Dass dieser puristischere Ansatz extrem erfolgreich sein kann, beweist der Erfolg von Künstlern wie Mau P. Seine Single „BEATS FOR THE UNDERGROUND“ war, wie die Beatport-Jahresanalyse zeigt, einer der meistverkauften Tech-House-Tracks des Jahres 2024 – und das mit einem Titel, der seine Underground-Ausrichtung stolz vor sich herträgt.

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung zur Prime-Time. Der soulvolle Vocal-Track ist die sichere Bank für einen euphorischen Höhepunkt. Der technische Loop ist das Werkzeug für DJs, die eine tiefere, hypnotischere Atmosphäre schaffen wollen. Die Kunst besteht darin, den richtigen Moment für jede dieser Waffen zu finden und so die Energie über die ganze Nacht zu steuern.

Wie nutzt man Isolatoren, um Frequenzen komplett zu töten und Platz zu schaffen?

Ein wesentlicher Aspekt, der den modernen Tech-House-Sound von klassischem House unterscheidet, ist seine klangliche Präzision und Klarheit. Jeder Sound hat seinen eigenen Platz im Frequenzspektrum, und es gibt kaum Überlappungen. Dieses Prinzip der Sound-Ökonomie wird sowohl in der Produktion als auch beim DJing angewendet. Ein zentrales Werkzeug dafür sind Isolatoren oder Full-Kill-EQs an DJ-Mischpulten.

Ein Isolator ist ein Equalizer, der in der Lage ist, ein Frequenzband (typischerweise Bässe, Mitten und Höhen) nicht nur abzusenken, sondern komplett aus dem Signal zu entfernen – also zu „töten“. Diese Funktion ist entscheidend für saubere und dynamische Übergänge. Wenn ein DJ beispielsweise die Bassline des neuen Tracks einführen möchte, kann er mit dem Isolator den Bass des laufenden Tracks vollständig eliminieren. Dadurch entsteht im Mix sofort Platz, und die neue Bassline kann mit voller Wucht und ohne matschige Frequenzüberlagerungen einsetzen. Dasselbe gilt für Vocals (meist im Mittenbereich) oder Hi-Hats (im Höhenbereich).

Diese Technik trägt maßgeblich zu dem bei, was die OpenMusic Academy als ein „sehr ‚tightes‘ Feeling“ beschreibt. In ihrer Analyse heißt es: „Den Drums liegt ein sehr ‚tightes‘ Feeling zugrunde, was durch das sehr bewusste Timing der Soundlängen erreicht und durch für Tech House typische starke Kompression auf dem Drum-Bus verstärkt wird.“ Die Nutzung von Isolatoren beim Live-Mixing ist die logische Fortsetzung dieses Produktionsprinzips. Es ermöglicht dem DJ, Tracks wie mit einem Skalpell zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, anstatt sie nur übereinander zu legen.

Für Produzenten, die diesen sauberen und druckvollen Sound anstreben, gibt es eine Reihe von grundlegenden Schritten, um die Frequenzen von Anfang an unter Kontrolle zu halten.

Ihr Plan für die Frequenzkontrolle in der Tech-House-Produktion

  1. Projekt-Tempo festlegen: Setzen Sie das Tempo auf 130 BPM, um einen energetischen Tech-House-Groove zu erzielen.
  2. Kick-Drum programmieren: Programmieren Sie die Kick-Drum mit einer konstanten Velocity (Anschlagstärke) von 100 für einen gleichmäßigen Druck.
  3. Headroom schaffen: Reduzieren Sie die Lautstärke des gesamten Tracks auf -6 dB, um beim späteren Mischen und Mastern genügend Spielraum (Headroom) zu haben.
  4. Bass-Pattern definieren: Programmieren Sie ein Bass-Pattern auf der Note G1 (Sol), um einen tiefen, techno-inspirierten Groove zu erzeugen.
  5. Bass-Präsenz optimieren: Passen Sie die Lautstärke des Bass-Tracks auf etwa -2.2 dB an, um eine optimale Präsenz zu gewährleisten, ohne den Mix zu überladen.

Durch die bewusste Kontrolle der Frequenzen, sowohl in der Produktion als auch im Live-Set, erhält Tech-House seine charakteristische Klarheit und Durchschlagskraft, die ihn in modernen Club-Soundsystemen so effektiv macht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Tech-House-Groove ist eine minimalistische Fusion aus einem hypnotisch rollenden Bass (Techno-Einfluss) und präzisen, kurzen Synthesizer-Akzenten (Stabs).
  • Der kommerzielle Erfolg basiert auf einer Formel: technische Reduktion, gepaart mit dem „Nostalgie-Hebel“ durch Samples aus bekannten Hits, was die Tracks extrem streaming-kompatibel macht.
  • Sowohl Vocals für emotionale Höhepunkte als auch rein technische Loops für hypnotische Grooves sind effektive Werkzeuge zur Prime-Time und zeigen die Vielseitigkeit des Genres.

Wie hält sich House Music seit 40 Jahren an der Spitze der deutschen Charts?

Die Dominanz von Tech-House ist kein isoliertes Phänomen, sondern das jüngste Kapitel in der bemerkenswerten Geschichte der House Music. Seit ihrer Entstehung in den Clubs von Chicago vor rund 40 Jahren hat sich House Music als eine der widerstandsfähigsten und anpassungsfähigsten Kräfte in der elektronischen Musik erwiesen. Wie eine Analyse treffend feststellt, „ist House im Radio und in den Clubs populär geblieben, während es gleichzeitig in den Underground-Szenen auf der ganzen Welt Fuß gefasst hat“. Doch wie gelingt diese Langlebigkeit?

Der Schlüssel liegt in der evolutionären Natur des Genres. House Music war nie ein statisches Gebilde, sondern immer ein Schmelztiegel von Einflüssen, der sich ständig neu erfindet, indem er Subgenres hervorbringt. Tech-House ist das perfekte Beispiel für diesen Prozess. Es entstand als eine Reaktion auf die musikalische Landschaft seiner Zeit, indem es Elemente aus dem damals aufkommenden Techno in seine eigene Struktur integrierte. Die ursprüngliche Definition von Tech-House war im Grunde eine pragmatische: ein Begriff aus dem Plattenladen für Musik, die „robuste Basslines“ und „stahlharte Beats“ des Techno mit den Harmonien und Grooves des Progressive House kombinierte.

Diese Fähigkeit zur Assimilation und Anpassung ist der Grund, warum House Music an der Spitze bleibt. Während andere Genres in starren Definitionen verharren und an Relevanz verlieren, bleibt House fließend. Jedes neue Subgenre, von Acid House über Deep House bis hin zu Tech-House, ist eine Antwort auf neue Technologien, neue kulturelle Strömungen und neue Hörgewohnheiten. Tech-House ist die Antwort von House Music auf das Streaming-Zeitalter, die Globalisierung der Clubkultur und den Bedarf an sofort wirksamer, hochenergetischer Tanzmusik.

Indem es sich kontinuierlich weiterentwickelt und Subgenres wie Tech-House hervorbringt, sichert sich House Music also seinen Platz an der Spitze. Es opfert nicht seine Wurzeln, sondern lässt neue Äste wachsen, die es ihm ermöglichen, auch nach vier Jahrzehnten noch frisch, relevant und dominant zu sein – sowohl in den Underground-Clubs von Berlin als auch in den globalen Charts.

Die Betrachtung dieser langfristigen Entwicklung ist entscheidend, um die Frage zu beantworten, wie sich House Music seit Jahrzehnten an der Spitze hält.

Jetzt, da Sie die Formel hinter dem Erfolg von Tech-House kennen, ist der nächste logische Schritt, die neuesten Tracks auf den führenden Plattformen zu erkunden und selbst zu hören, wie diese Elemente in der Praxis zusammenspielen und den Sound der heutigen Clubs formen.

Geschrieben von Sarah Sarah Behrens, Kulturwissenschaftlerin, Musikjournalistin und Awareness-Koordinatorin. Expertin für Clubgeschichte, Diversität und soziale Dynamiken im Nachtleben.