Veröffentlicht am März 15, 2024

Ein DJ-Set wird erst dann unvergesslich, wenn es über die reine Technik hinausgeht und zu einer dramaturgischen Reise wird.

  • Der erste Track legt den Grundstein für das Vertrauen und die Erwartungshaltung des Publikums.
  • Der Wechsel zwischen Energie und Ruhe ist kein technischer Akt, sondern der Spannungsbogen einer Erzählung.
  • Überraschungsmomente und bewusste Stilbrüche sind entscheidender als eine lückenlose Kette von Hits.

Empfehlung: Denken Sie bei Ihrem nächsten Set nicht in Playlists, sondern in Akten, Szenen und emotionalen Höhepunkten. Werden Sie vom Techniker zum Geschichtenerzähler.

Sie stehen hinter den Decks, Ihre Übergänge sind nahtlos, die Beatmatching-Präzision ist makellos. Technisch gesehen liefern Sie ein perfektes Set ab. Und doch spüren Sie es: Die Tanzfläche bewegt sich, aber sie bebt nicht. Die Energie ist vorhanden, aber die Magie fehlt. Viele DJs konzentrieren sich auf die handwerkliche Perfektion und glauben, eine gute Track-Auswahl reiche aus, um das Publikum zu begeistern. Sie optimieren ihre Technik, organisieren ihre Library und polieren ihre Mixes, nur um festzustellen, dass das Ergebnis zwar professionell, aber seelenlos wirkt.

Die gängigen Ratschläge sind bekannt: Kenne dein Publikum, baue die Energie langsam auf, spiele zur richtigen Zeit die richtigen Hits. Doch diese Ratschläge kratzen nur an der Oberfläche. Sie behandeln ein DJ-Set wie eine mathematische Gleichung, bei der die richtige Abfolge von Variablen zum Erfolg führt. Was aber, wenn die wahre Kunst nicht in der Technik, sondern in der Dramaturgie liegt? Was, wenn ein zweistündiges Set weniger eine Playlist und mehr ein Drehbuch ist, das das Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnimmt?

Dieser Artikel bricht mit der rein technischen Betrachtung des DJings. Wir tauchen ein in die Kunst des musikalischen Storytellings und betrachten das DJ-Set durch die Linse eines Dramaturgen. Es geht nicht darum, Tracks abzuspielen, sondern darum, eine Erzählung zu schaffen. Wir werden erforschen, wie der erste Track den Ton für die gesamte Geschichte angibt, wie man gezielt Spannungsbögen aufbaut und wieder löst und warum ein gut platzierter Stilbruch mehr wert sein kann als zehn aneinandergereihte Hits. Bereiten Sie sich darauf vor, Ihre Rolle neu zu definieren: vom DJ zum Regisseur der Nacht.

Um diese Transformation zu meistern, werden wir die Schlüsselelemente einer gelungenen Set-Dramaturgie Schritt für Schritt analysieren. Der folgende Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie jede Phase Ihres Sets bewusst gestalten, um eine kohärente und fesselnde Geschichte zu erzählen.

Warum entscheidet der erste Track über das Vertrauen des Publikums?

Der erste Track ist nicht nur ein Anfang; er ist der Prolog Ihrer Geschichte, der Handschlag mit der Tanzfläche. In diesen ersten Minuten schließen Sie einen unausgesprochenen Vertrag mit Ihrem Publikum. Sie geben ein Versprechen ab, welche Art von Reise bevorsteht. Ein experimenteller Opener wie ihn die Residents im Berliner Berghain seit Jahrzehnten kultivieren, signalisiert eine anspruchsvolle, tiefgehende Nacht. Er sagt: „Vertraut mir, das hier wird anders.“ Dieser Ansatz erfordert Mut, denn er filtert das Publikum und bindet jene, die bereit sind, sich auf das Unbekannte einzulassen.

Nahaufnahme von DJ-Händen beim ersten Übergang mit verschwommener Tanzfläche

Die Wahl dieses ersten Tracks ist eine strategische Entscheidung, die den Kontext ehren muss. Wie der Musikjournalist Dirk Duske treffend bemerkt, ist es sinnlos, eine experimentelle Elektro-Geschichte erzählen zu wollen, wenn das Publikum eines 70er-Jahre-Geburtstags Rock-Hits erwartet. In diesem Moment geht es nicht um Ihren persönlichen Geschmack, sondern um Empathie und das Verständnis für den Rahmen der Veranstaltung. Der erste Track muss die Frage beantworten: „Habe ich verstanden, warum ihr hier seid?“ Erst wenn das Publikum spürt, dass Sie auf seiner Wellenlänge sind, wird es Ihnen das Vertrauen schenken, es später auf unbekanntes Terrain zu führen.

Ein gelungener Auftakt schafft eine Grundlage des Vertrauens. Er muss nicht der energiegeladenste oder bekannteste Track sein. Vielmehr sollte er eine Atmosphäre schaffen, eine Einladung aussprechen und die Weichen für die Dramaturgie des Abends stellen. Er ist die etablierende Einstellung in einem Film, die den Schauplatz, die Stimmung und die Hauptfiguren vorstellt – in diesem Fall Sie und die Tanzfläche.

Wie wechselt man geschickt zwischen Hochenergie und Erholungsphasen?

Ein Set, das permanent auf Hochtouren läuft, ist wie ein Film, der nur aus Actionszenen besteht: anfangs aufregend, aber schnell ermüdend und emotional flach. Die wahre Meisterschaft liegt im Aufbau und Abbau von Energie – dem musikalischen Spannungsbogen. Diese Fähigkeit, die Dynamik zu steuern, ist so kulturell bedeutsam, dass die Berliner Technokultur von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde, gerade weil sie diese langen, erzählerischen Reisen zelebriert. Es geht darum, Phasen der Katharsis gezielt mit Momenten der Reflexion und Erholung abzuwechseln.

Stellen Sie sich Ihr Set in drei Akten vor. Der erste Akt baut Spannung auf und führt die Charaktere (Ihre Kerngeräusche und -stile) ein. Der zweite Akt entwickelt die Geschichte, führt Konflikte ein (z. B. durch einen unerwarteten Genre-Wechsel) und steigert die Energie bis zu einem Höhepunkt. Doch nach diesem Peak ist ein bewusstes „Tal“ entscheidend. Ein ruhigerer, atmosphärischer oder melodischer Track gibt dem Publikum die Möglichkeit, durchzuatmen, sich zu unterhalten und Energie für den nächsten Anstieg zu sammeln. Diese Momente sind keine Pausen, sondern essenzielle Teile der Erzählung. Sie laden die emotionale Batterie der Tanzfläche wieder auf.

Der geschickte Wechsel gelingt durch das bewusste Einplanen von „Atempause-Tracks“. Das können sein:

  • Tracks mit längeren instrumentalen oder atmosphärischen Intros/Outros, die Raum für sanfte Übergänge schaffen.
  • Stücke aus einem komplementären, aber ruhigeren Genre (z. B. ein Deep-House-Track in einem Techno-Set).
  • Klassiker oder bekannte Melodien, die eine kollektive emotionale Reaktion statt reiner physischer Energie auslösen.

Diese Phasen der Entspannung sind auch Ihre Chance, die Reaktion des Publikums zu lesen. Beobachten Sie genau: Nutzen die Leute die Phase für einen Drink, oder bleiben sie auf der Tanzfläche und genießen die neue Stimmung? Ihre Reaktion ist der Kompass für Ihren nächsten Schritt in der Geschichte.

Stilbruch oder roter Faden: Was hält die Spannung besser?

Die Entscheidung zwischen einem konsistenten „roten Faden“ und einem überraschenden „Stilbruch“ ist eine der fundamentalsten dramaturgischen Weichenstellungen für einen DJ. Beide Strategien haben ihre Berechtigung und erzeugen Spannung auf unterschiedliche Weise. Es gibt keine richtige oder falsche Antwort – nur die passende Strategie für die Geschichte, die Sie erzählen möchten. Das legendäre Berliner Club-Duo Berghain und Panorama Bar ist das perfekte Beispiel für diese zwei Philosophien unter einem Dach: Während das Berghain für seinen gnadenlosen, hypnotischen Techno-Faden bekannt ist, der die Tänzer in einen stundenlangen Sog zieht, erlaubt die Panorama Bar mit ihrem House-Fokus mehr melodische und stilistische Abweichungen.

Der rote Faden schafft Spannung durch Konsistenz und Vertiefung. Sie etablieren einen bestimmten Sound, ein Tempo oder eine Stimmung und variieren diese nur subtil. Jeder neue Track ist eine logische Fortsetzung des vorherigen und zieht das Publikum tiefer in den von Ihnen geschaffenen Klangkosmos. Diese Methode eignet sich hervorragend für puristische Techno- oder House-Sets, bei denen der hypnotische „Groove“ im Vordergrund steht. Die Spannung entsteht hier durch die Erwartung, wie der nächste Track die etablierte Idee weiterentwickeln wird.

Der Stilbruch hingegen erzeugt Spannung durch Überraschung. Mitten in einem treibenden Set plötzlich einen Disco-Klassiker, einen unerwarteten Breakbeat oder einen emotionalen Vocal-Track zu spielen, ist ein narrativer „Plot Twist“. Dieser Moment durchbricht die Erwartungen, setzt die Energie neu zusammen und schafft einen unvergesslichen Höhepunkt. Diese Strategie ist riskanter, aber bei Erfolg extrem wirkungsvoll. Sie funktioniert besonders gut in vielseitigeren Umgebungen oder auf großen Festivals, wo die Größenordnung deutscher Techno-Events, wie die 225.000 Besucher beim Parookaville Festival, eine breitere musikalische Ansprache erfordert.

Die beste Strategie ist oft eine Kombination aus beidem: Bauen Sie einen starken roten Faden auf, dem das Publikum vertraut, und setzen Sie dann an einem strategisch wichtigen Punkt einen kalkulierten Stilbruch, um die aufgebaute Spannung in einer Explosion der Freude zu entladen.

Der Fehler, nur Hits an Hits zu reihen ohne Überraschungsmoment

Der vielleicht größte Fehler eines technisch versierten DJs ist der Glaube, ein Set sei eine Aneinanderreihung von Erfolgsgaranten. Das Abfeuern von „Floorfillern“ mag kurzfristig für Hände in der Luft sorgen, führt aber zu einer vorhersehbaren und letztlich langweiligen Dramaturgie. Es ist, als würde man einen Film schauen, der nur aus Höhepunkten besteht – die Wirkung verpufft, weil der Kontext und der Spannungsaufbau fehlen. Ein Set ohne Überraschungen ist keine Geschichte, sondern eine Checkliste. Der erfahrene DJ Rewerb bringt es auf den Punkt:

Würde ich genau planen, welche Lieder ich in welcher Reihenfolge spiele, würde ich die Möglichkeit verschenken steuernd eingreifen zu können.

– DJ Rewerb, DJ Live Set vorbereiten: Ist planen oder improvisieren besser?

Der Überraschungsmoment – der unerwartete Track, der „hidden gem“, die B-Seite, die niemand kennt – ist das Salz in der Suppe Ihrer Erzählung. Es ist der Moment, in dem das Publikum aufhorcht und merkt, dass es gerade etwas Einzigartiges erlebt. Dieser Moment des Innehaltens und der Neugier ist oft emotional wirkungsvoller als der x-te bekannte Beatdrop. Es ist der Beweis Ihrer Kuration und Ihres Mutes.

Weitwinkelaufnahme einer ekstatischen Tanzfläche im Moment der musikalischen Überraschung

Diese unbekannten Tracks sind auch ein Dialog mit der Tanzfläche. Sie sind ein Test, ein Wagnis, das, wenn es gelingt, eine viel tiefere Verbindung schafft. Wie ein DJ es beschreibt, wird die Tanzfläche zum „Versuchskaninchen“:

Wenn ich also wissen will, ob ein neues – noch unbekanntes – Lied auf der Tanzfläche funktioniert, dann spiele ich es direkt im Anschluss an einen Floorfiller.

– DJ Rewerb, Wie ich Lieder auf der Tanzfläche teste

Diese Taktik ist brillant: Die Energie des bekannten Hits gibt dem unbekannten Track einen Vertrauensvorschuss. Die Reaktion des Publikums in diesem Moment ist das ehrlichste Feedback, das Sie bekommen können. Ein Set, das Raum für solche Experimente lässt, ist lebendig, dynamisch und unvorhersehbar – es ist eine echte Geschichte.

Wie hält man die Energie konstant hoch, ohne die Unterhaltung der Gäste zu stören?

In vielen Situationen – von Bar-Gigs über Firmenevents bis hin zu den frühen Stunden einer Clubnacht – ist die Aufgabe des DJs nicht, die Tanzfläche in Ekstase zu versetzen, sondern eine konstant hohe, aber unaufdringliche Energie zu halten. Das Ziel ist es, den „Soundtrack“ des Abends zu liefern, der Gespräche ermöglicht, aber gleichzeitig die Atmosphäre belebt und zum Mitwippen einlädt. Dies ist eine subtile Kunst, die oft anspruchsvoller ist als das Management einer Peak-Time-Tanzfläche. Es geht darum, einen pulsierenden Hintergrund zu schaffen, keinen dominanten Vordergrund.

Der Schlüssel liegt in der Auswahl von Tracks mit einem starken, aber nicht aggressiven Groove. Stücke, die durch ihre Bassline, ihre Percussion oder eine hypnotische Melodie eine treibende Kraft haben, aber auf laute Drops, schrille Synths oder dominante Vocals verzichten. Denken Sie an Deep House, melodischen Techno oder groovigen Tech-House. Diese Genres sind oft so konzipiert, dass sie eine kontinuierliche rhythmische Basis bieten, die eher fesselt als fordert. Die Analyse von 12 Jahren Berghain-Wochenenden zeigt, dass die erfolgreichsten DJs mit über 100 Bookings Meister dieser langanhaltenden Spannungsbögen sind.

Die Energie wird hier nicht durch laute Effekte, sondern durch subtile Variation und nahtlose Übergänge hochgehalten. Lange, fließende Mixes, bei denen Elemente des einen Tracks langsam in den nächsten übergehen, halten den Flow aufrecht, ohne die Aufmerksamkeit zu stark auf den DJ zu lenken. Die Kunst besteht darin, die Energie so konstant zu halten, dass sie als selbstverständlich wahrgenommen wird. Erst wenn die Musik stoppen würde, würde man merken, wie sehr sie die Stimmung des Raumes getragen hat.

Diese Fähigkeit, die richtige Erzählstrategie für den richtigen Schauplatz zu wählen, ist entscheidend. Ein DJ bei einem großen Festival wie Parookaville verfolgt eine andere Dramaturgie als bei einem Event im Freien.

Die folgende Tabelle zeigt die Vielfalt der „Bühnen“ in der deutschen Festivallandschaft, die jeweils eine andere Herangehensweise an das Energie-Management erfordern.

Berliner Techno-Festivals und ihre Besonderheiten
Festival Besucherzahl Besonderheit
Parookaville (Weeze) 225.000 Fiktive Stadt-Transformation, 100+ DJs
SonneMondSterne Nicht angegeben Thüringen Location
Nature One Nicht angegeben Hunsrück Setting

Wann spielt man den größten Track der Nacht für maximale Wirkung?

Der „größte Track der Nacht“ – der ultimative Floorfiller, der eine garantierte Reaktion hervorruft – ist der dramaturgische Höhepunkt Ihrer Geschichte. Ihn zu früh zu spielen, ist wie das Ende eines Films am Anfang zu verraten. Ihn zu spät zu spielen, riskiert, dass die aufgebaute Energie bereits verpufft ist. Der perfekte Zeitpunkt ist keine feste Uhrzeit, sondern ein emotionaler Wendepunkt in Ihrem Set. Es ist der Moment, in dem die Energie der Tanzfläche ihren Zenit erreicht und das Publikum bereit ist für die kollektive Katharsis.

Ein Meister-Dramaturg wie Nick Höppner, der als einer der Eckpfeiler der heutigen Berliner House- und Techno-Szene gilt, versteht diesen Moment intuitiv. Er hat das musikalische Spektrum der Stadt so verinnerlicht, dass er spürt, wann die Erzählung des Abends auf ihren Höhepunkt zusteuert. Für alle anderen gilt: Beobachten Sie die Zeichen. Dieser Moment ist oft erreicht, wenn:

  • Die Tanzfläche am vollsten ist und die Energie spürbar am höchsten ist.
  • Sie erfolgreich einen oder zwei weniger bekannte Tracks gespielt haben und das Vertrauen des Publikums absolut sicher ist.
  • Sie einen leichten Energieabfall spüren und einen starken Impuls benötigen, um das Set in die nächste Phase zu katapultieren.

Der größte Track sollte sich wie die unvermeidliche Konsequenz aus allem anfühlen, was Sie zuvor aufgebaut haben. Er ist nicht nur ein „Hit“, sondern der Gipfel des Spannungsbogens. Die Reaktion darauf ist dann nicht nur Freude über einen bekannten Song, sondern die Befreiung der über Stunden aufgebauten emotionalen Energie. Es ist die Szene im Film, auf die alles hingearbeitet hat.

Dabei ist selbst die Wirkung des größten Tracks nicht immer garantiert. Wie DJ Rewerb erklärt, ist die Tanzfläche ein lebendiger Organismus. Manchmal schlägt ein vermeintlicher Hit nicht ein, während eine unbekannte Nummer zur Hymne des Abends wird. Die Fähigkeit, diese Reaktionen in Echtzeit zu lesen und den Zeitpunkt für den Höhepunkt flexibel anzupassen, trennt den Handwerker vom Künstler. Der größte Track ist Ihr stärkstes Werkzeug, aber sein Einsatz muss verdient und perfekt getimt sein.

Wann und wie beendet man das Set, um in Erinnerung zu bleiben?

Das Ende Ihres Sets ist der Epilog. Es sind die letzten Worte Ihrer Geschichte, die beim Publikum nachhallen und darüber entscheiden, mit welchem Gefühl es nach Hause geht. Ein abruptes Ende oder ein uninspiriertes Ausklingenlassen kann die sorgfältig aufgebaute Dramaturgie der letzten zwei Stunden zunichtemachen. Ein unvergessliches Ende hingegen zementiert die emotionale Reise und sorgt dafür, dass Ihr Set im Gedächtnis bleibt – ein Ziel, das auch große Veranstaltungsreihen wie die „Berlin Beats“ im Hamburger Bahnhof verfolgen, die mit ihren DJ-Serien im Sommer zehntausende Besucher begeisterten.

Es gibt verschiedene Strategien für einen wirkungsvollen Abschluss, die vom Kontext und der gewünschten finalen Emotion abhängen:

  • Der „Eine-letzte-Hymne“-Abschluss: Sie spielen einen ikonischen, emotionalen oder euphorischen Track, der die gesamte Energie des Abends noch einmal bündelt und in einem letzten kollektiven Moment der Freude entlädt. Dies ist der klassische „Feuerwerk am Ende“-Ansatz.
  • Der thematische Abschluss: Sie kehren zu einer Melodie, einem Vocal-Sample oder einem Track vom Anfang Ihres Sets zurück und schließen so den narrativen Kreis. Dies vermittelt ein Gefühl von Vollständigkeit und konzeptioneller Tiefe.
  • Das sanfte Ausklingen („Cool Down“): Statt eines letzten Knalls reduzieren Sie langsam die Energie mit atmosphärischen, melodischen oder sogar Ambient-Tracks. Dies ist der „Abspann“ Ihres Films, der dem Publikum Zeit gibt, die Reise mental ausklingen zu lassen und sanft in der Realität zu landen. Wie es im „Window Seat“-Konzept beschrieben wird, kann man sich in Träumen verlieren.

Egal welche Strategie Sie wählen, der Schlüssel ist, wachsam zu bleiben und das Publikum bis zur letzten Sekunde zu beobachten. Wie der DJ-Guide von Bonedo.de empfiehlt, muss man erkennen, ob die Crowd noch folgen kann und will. Der letzte Track sollte sich niemals wie eine Pflichtübung anfühlen, sondern wie der bewusste, finale Pinselstrich Ihres Kunstwerks.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein DJ-Set ist eine Erzählung: Ihr Ziel ist es, einen Spannungsbogen mit Anfang, Höhepunkt und Ende zu schaffen, nicht nur Tracks zu mixen.
  • Der erste Track ist ein Versprechen: Er etabliert den Ton und baut das entscheidende Vertrauen mit der Tanzfläche auf.
  • Dynamik ist alles: Der bewusste Wechsel zwischen hochenergetischen Phasen und ruhigeren Momenten hält die emotionale Reise fesselnd.
  • Überraschung schlägt Vorhersehbarkeit: Ein unerwarteter Track zur richtigen Zeit schafft einen unvergesslicheren Moment als eine Kette von bekannten Hits.

Wie liest man die Körpersprache einer Tanzfläche von 500 Menschen?

Ein Dramaturg muss sein Publikum verstehen. Für einen DJ bedeutet das, die nonverbalen Signale einer großen Menschenmenge zu deuten. Eine Tanzfläche von 500 Menschen ist kein monolithischer Block, sondern ein lebendiger Organismus mit einer kollektiven Körpersprache. Diese zu lesen, ist die entscheidende Fähigkeit, um Ihre Geschichte in Echtzeit anzupassen. Die Beobachtung beginnt bereits, bevor Sie den ersten Track spielen: Analysieren Sie die Altersgruppe, die Kleidung und die allgemeine Stimmung. Sind die Leute gesprächig und entspannt oder warten sie ungeduldig darauf, zu tanzen?

Sobald Ihr Set läuft, wird die Tanzfläche zu Ihrem direkten Feedback-Kanal. Achten Sie auf die folgenden Indikatoren:

  • Die Dichte und Bewegung: Füllt sich die Tanzfläche oder leert sie sich? Bewegen sich die Menschen energisch und raumgreifend oder wippen sie nur auf der Stelle? Schon ein verstärktes Mitwippen der Füße kann, wie Beobachtungen zeigen, ein frühes Zeichen für die Bereitschaft zum Tanzen sein.
  • Die Hände und Gesichter: Werden Hände in die Luft gehoben? Gibt es Jubel bei einem Übergang? Sehen Sie Lächeln und geschlossene Augen oder gelangweilte und abwesende Blicke? Diese Reaktionen sind unmittelbares Feedback auf Ihre Track-Auswahl.
  • Die Interaktion: Umarmen sich die Leute, singen sie mit, suchen sie Blickkontakt zueinander? Das sind Zeichen für eine starke kollektive Erfahrung. Wenn die Leute vermehrt auf ihre Handys schauen oder die Tanzfläche verlassen, ist das ein klares Signal, dass Sie die Verbindung verlieren.

Selbst Musikwünsche, oft als störend empfunden, können ein wertvolles Werkzeug sein. Sie müssen nicht jeden Wunsch erfüllen, aber hören Sie zu. Wiederholen sich Wünsche für ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Künstler, gibt Ihnen das einen wertvollen Einblick in die verborgenen Erwartungen des Publikums. Ihre Aufgabe ist es, diese Fülle an Informationen zu filtern, zu interpretieren und in musikalische Entscheidungen umzusetzen, die Ihre Geschichte voranbringen.

Ihre Checkliste zum Lesen der Tanzfläche

  1. Vor dem Set beobachten: Analysieren Sie Altersgruppe, Energielevel und allgemeine Stimmung des ankommenden Publikums, um eine Grundlinie zu etablieren.
  2. Auf Reaktionen achten: Beobachten Sie unmittelbare Reaktionen (Jubel, Hände heben) beim Einmixen neuer Tracks als Bestätigung Ihres Kurses.
  3. Bewegungsmuster deuten: Achten Sie darauf, ob die Tanzfläche voller wird oder sich leert und wie energisch die Menschen tanzen. Passen Sie Ihre Strategie entsprechend an.
  4. Musikwünsche als Daten nutzen: Hören Sie sich Wünsche an, um Präferenzen zu verstehen, aber integrieren Sie sie nur, wenn sie zur Dramaturgie des Sets passen.
  5. Den Flow über alles stellen: Lassen Sie sich nicht von einzelnen Reaktionen oder Wünschen aus dem Konzept bringen; die Gesamterzählung Ihres Sets hat Priorität.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihr nächstes Set nicht als eine Liste von Tracks, sondern als ein Drehbuch zu betrachten. Skizzieren Sie Ihre Akte, planen Sie Ihre Wendepunkte und denken Sie über das emotionale Finale nach. Verwandeln Sie Ihre technische Perfektion in erzählerische Magie.

Geschrieben von Klaus Klaus Hartmann, Resident-DJ und Vinyl-Spezialist mit über 25 Jahren Erfahrung in der Berliner Clubszene. Expert für Dramaturgie von langen Sets, analoges Mixing und die Psychologie der Tanzfläche.