
Der Schlüssel zum Scratchen in Techno und House liegt darin, es nicht als Solo, sondern als subtile perkussive Textur zu behandeln, die den hypnotischen Groove verstärkt.
- Die Basis ist der Baby-Scratch, der rhythmisch wie eine weitere Hi-Hat oder Percussion eingesetzt wird.
- Die Wahl der Sounds (z.B. kurze Kick-Drums, Synth-Stabs) und die richtige Mixer-Einstellung (scharfe Fader-Kurve) sind entscheidend für die klangliche Integration.
Empfehlung: Beginne damit, einfache Scratches gezielt am Ende von 16-Takt-Phrasen zu platzieren, um Übergänge zu markieren, anstatt den Flow zu unterbrechen.
Die Vorstellung, Turntablism-Elemente in ein treibendes Techno- oder House-Set zu integrieren, löst bei vielen DJs eine Mischung aus Faszination und Furcht aus. Die Furcht, wie ein Fremdkörper zu klingen, den hypnotischen Flow zu zerstören oder – schlimmer noch – wie ein Möchtegern-Hip-Hop-DJ auf einer Techno-Party wahrgenommen zu werden. Die üblichen Ratschläge, einfach die Grundlagen des Scratchings zu lernen, greifen hier zu kurz. Sie ignorieren die fundamental unterschiedliche Philosophie hinter der Musik. Im Hip-Hop ist der DJ oft der Star, der Scratch ein vokaler, dominanter Akt. Im Techno dient alles dem gemeinsamen, hypnotischen Erlebnis auf dem Dancefloor.
Doch was wäre, wenn die wahre Kunst nicht darin bestünde, Hip-Hop-Techniken zu kopieren, sondern sie für die Welt der elektronischen Musik zu übersetzen? Die Perspektive zu wechseln und einen Scratch nicht als Melodie, sondern als raffinierte perkussive Textur zu sehen? Es geht darum, eine Brücke zu bauen zwischen zwei Welten, die mehr gemeinsam haben, als man denkt: Rhythmus, Präzision und die Fähigkeit, mit einem einzigen Sound eine immense Energie freizusetzen. Es ist die Kunst der Akzentuierung, nicht der Selbstdarstellung.
Dieser Guide zeigt dir, wie du diese Brücke baust. Wir werden die grundlegenden Techniken nicht nur isoliert betrachten, sondern sie direkt in den Kontext eines Techno- oder House-Tracks setzen. Du lernst, welche Sounds funktionieren, wie deine Hardware dich unterstützt und – am allerwichtigsten – wie du die goldene Regel „Weniger ist mehr“ anwendest, um deinem Set eine neue, aufregende Ebene zu verleihen, die den Vibe respektiert und verstärkt.
Die folgenden Abschnitte führen dich schrittweise von der grundlegendsten Technik über die essenziellen Hardware-Einstellungen bis hin zur philosophischen Herangehensweise, um Scratches nahtlos in deine elektronischen Sets zu integrieren.
Inhaltsverzeichnis: Scratches als Akzent im Techno-Set meistern
- Warum ist der Baby-Scratch die Basis für alle komplexeren Techniken?
- Wie muss die Fader-Kurve für scharfe Cuts eingestellt sein?
- Click-Track oder Beat: Wie übt man Timing effektiv?
- Der „Too Much“-Fehler, der den Flow eines House-Sets zerstört
- Welche Sounds eignen sich am besten für elektronische Musik?
- Warum braucht man starkes Drehmoment für schnelles Mixing und Scratching?
- Warum verhalten sich Fader-Kurven unterschiedlich bei der Lautstärke?
- Wie lernt man Beatmatching nach Gehör, ohne auf das Display zu schauen?
Warum ist der Baby-Scratch die Basis für alle komplexeren Techniken?
Der Baby-Scratch ist der Urknall des Turntablism. Seine Schönheit liegt in seiner Einfachheit: Du benötigst nur eine Hand auf der Platte und keinen Crossfader. Doch für einen Techno-DJ ist er mehr als nur eine Anfängerübung. Er ist das perfekte Werkzeug, um das Konzept des „perkussiven Scratchens“ zu verinnerlichen. Indem du die Platte rhythmisch vor- und zurückbewegst, erzeugst du keinen komplexen Satz, sondern eine reine, rhythmische Textur. Genau das brauchen wir in einem 4/4-Kontext.
Stell dir den Baby-Scratch nicht als „Worte“, sondern als eine weitere Hi-Hat, eine Conga oder einen Shaker in deinem Track vor. Wie die Hercules DJ Academy es formuliert: „Um einen Baby-Scratch durchzuführen, legen Sie Ihre Hand auf die Schallplatte oder das Jogwheel und bewegen Sie sie in einer rhythmischen Bewegung hin und her.“ Der Fokus liegt auf „rhythmischer Bewegung“. Dein Ziel ist nicht, eine Melodie zu spielen, sondern den Groove zu verdichten. Wenn du diese Technik auf Achtel- oder Sechzehntelnoten perfektionierst, hast du bereits 90% dessen gelernt, was du für effektive Akzente im House und Techno brauchst.
Der psychologische Trick besteht darin, die klassischen „Ahhh“- und „Fresh“-Samples aus dem Hip-Hop sofort zu vergessen. Diese Sounds sind so ikonisch, dass sie unweigerlich aus dem Klangbild eines Techno-Tracks herausstechen. Stattdessen beginnst du mit Sounds, die bereits Teil der klanglichen DNA sind. Ein trockener Kick-Drum-Sound, etwa aus einer TR-909, ist der ideale Startpunkt. So lernst du von Anfang an, den Scratch als Teil des Rhythmusgerüsts zu denken und nicht als Fremdkörper.
Dein Aktionsplan: Den Baby-Scratch als Rhythmus-Tool meistern
- Handbewegung isolieren: Nimm eine Platte und bewege sie ohne Crossfader einfach im Takt eines laufenden Tracks vor und zurück, um ein Gefühl für die Bewegung zu bekommen.
- Rhythmusgitter trainieren: Übe gezielt, den Scratch auf Achtel- und dann auf Sechzehntelnoten zu platzieren. Nutze ein Metronom oder einen simplen Beat-Loop.
- Sound-Kontext schaffen: Verwende statt klassischer Scratch-Samples eine trockene Kick-Drum aus einer TR-909 oder ein ähnliches perkussives Sample.
- Im Mix anwenden: Versuche, den geübten Scratch in einem Mix als perkussives Element zu nutzen, zum Beispiel um eine Hi-Hat-Figur für zwei Takte zu ersetzen.
Wie muss die Fader-Kurve für scharfe Cuts eingestellt sein?
Wenn der Baby-Scratch die rhythmische Grundlage ist, dann ist der Crossfader das Werkzeug, das ihm Definition und Schärfe verleiht. Die Einstellung der Fader-Kurve (Fader Curve) ist für einen Techno-DJ, der scratchen will, absolut entscheidend. Eine weiche, lineare Kurve, die ideal für lange, sanfte Blends im House ist, wird deine Scratch-Versuche matschig und unpräzise klingen lassen. Was du brauchst, ist eine möglichst steile, scharfe Kurve. Diese bewirkt, dass der Sound fast sofort von 0 auf 100% Lautstärke springt, sobald du den Fader auch nur minimal aus seiner Ruheposition bewegst. Das Ergebnis: ein präziser, sauberer „Cut“.
Moderne Clubmixer bieten hierfür dedizierte Einstellungen. Ein Pioneer DJM-900NXS2 zum Beispiel verfügt über einen Magvel Fader mit drei wählbaren Kurven. Fürs Scratchen wählst du immer die steilste Option. DJs, die in der Minimal-Szene unterwegs sind, bevorzugen manchmal Rotary-Mixer wie den Rane MP2015 und nutzen die Upfader für schnelle Cuts, was eine ganz eigene Technik erfordert.
Fallstudie: Das Xone:96-Setup im Berghain
Ein perfektes Beispiel für professionelle Scratch-Integration in der Techno-Szene ist der Allen & Heath Xone:96 Mixer, wie er unter anderem im Berghain eingesetzt wird. Viele dieser Mixer sind mit einem nachgerüsteten Innofader Mini ausgestattet, der eine extrem scharf einstellbare Cut-Kurve ermöglicht. DJs wie Frazi.er nutzen zusätzlich die „CRUNCH“-Funktion des Mixers, um dem Scratch-Sound eine subtile harmonische Verzerrung zu geben, die ihn besser mit dem rauen Sound von Industrial Techno verschmelzen lässt. Die Kombination aus präzisem Cut und klanglicher Anpassung zeigt, wie tief die Integration von Turntablism-Techniken in der modernen deutschen Clubkultur verankert ist.
Die folgende Tabelle gibt dir einen Überblick, wie verschiedene populäre Club-Mixer für das Scratchen geeignet sind. Wie die Spezifikationen des Xone:96 zeigen, sind es oft die Details wie ein austauschbarer Fader, die den Unterschied machen.
| Mixer-Modell | Fader-Typ | Scratch-Eignung | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Pioneer DJM-900NXS2 | Magvel Crossfader | Sehr gut | 3 Kurven-Einstellungen |
| Allen & Heath Xone:92 | VCA Fader | Gut für House | Weichere Kurve ideal für Swells |
| Xone:96 mit Innofader | Innofader Mini | Exzellent | Schärfster Cut für Scratching |
| Rane MP2015 | Rotary Option | Upfader-Alternative | Beliebt in Minimal-Szene |
Click-Track oder Beat: Wie übt man Timing effektiv?
Timing ist alles. Ein technisch perfekter Scratch zur falschen Zeit ist schlimmer als gar kein Scratch. Für einen Techno-DJ ist das rhythmische Gespür noch wichtiger als für einen Hip-Hop-DJ, da die hypnotische, repetitive Struktur der Musik keinerlei rhythmische Ausreißer verzeiht. Die Frage ist also: Wie übt man dieses übermenschliche Timing am effektivsten? Die Antwort liegt in einer progressiven Methode, die dich vom starren Metronom zum organischen Beat führt.
Beginne nicht damit, über einen komplexen Track zu scratchen. Isoliere stattdessen einen einfachen, viertaktigen Loop aus einem Track, den du gut kennst – zum Beispiel von Stephan Bodzin, der für seine klaren Strukturen bekannt ist. Dein erstes Ziel ist es, einen simplen Baby-Scratch exakt auf die Zählzeiten 1, 2, 3 und 4 zu setzen. Nutze dafür anfangs ruhig die Beat-Anzeige deiner DJ-Software oder einen externen Click-Track. Es geht darum, eine Referenz zu haben und das Muskelgedächtnis zu trainieren.
Sobald das sitzt, kommt der entscheidende Schritt zur Entwicklung von Groove: Wechsle auf die Off-Beats, also die „und“-Zählzeiten zwischen den Kicks. Das fühlt sich anfangs unnatürlich an, ist aber der Schlüssel, um Scratches als synkopiertes, funkiges Element zu etablieren. Nimm deine Übungssessions unbedingt auf! Was sich im Moment richtig anfühlt, entpuppt sich beim späteren Anhören oft als unpräzise. Die Aufnahme ist dein ehrlichster Lehrer. Eine fortgeschrittene Technik ist es, Scratches gezielt als Fill-in zu nutzen, etwa auf der letzten Hi-Hat, kurz bevor der nächste Takt beginnt. Das erzeugt Spannung und kündigt den Übergang an.

Die visuelle Hilfe eines Beat-Grids, wie im Bild angedeutet, ist am Anfang ein wertvolles Werkzeug. Doch das ultimative Ziel ist, das Timing zu fühlen und nicht nur zu sehen. Der stetige Puls der Bassdrum muss in deine DNA übergehen, damit deine Scratches nicht wie aufgesetzte Effekte, sondern wie ein integraler Teil des Rhythmus klingen.
Der „Too Much“-Fehler, der den Flow eines House-Sets zerstört
Jetzt, wo du die Technik und das Timing beherrschst, kommst du zur wichtigsten Lektion: Zurückhaltung. Der größte Fehler, den DJs beim Integrieren von Scratches in elektronische Musik machen, ist der „Too Much“-Fehler. Sie sind so begeistert von ihrer neuen Fähigkeit, dass sie sie überall einsetzen und damit genau das zerstören, was ein gutes House- oder Techno-Set ausmacht: den hypnotischen, kontinuierlichen Flow. Hier gilt das Mantra des legendären DJs Ricardo Villalobos:
Weniger ist mehr – ich nutze Effekte und Manipulationen extrem sparsam, aber mit maximaler Wirkung.
– Ricardo Villalobos, Interview über minimalistischen DJ-Stil
Um diesen Fehler zu vermeiden, musst du die Struktur von Techno und House verstehen. Die Musik ist fast immer in Blöcken von 8, 16 oder 32 Takten aufgebaut. Ein Scratch funktioniert am besten als Satzzeichen, nicht als Roman. Analysen von Sets deutscher Top-DJs zeigen, dass ein kurzer Scratch am Ende einer 16-Takt-Phrase fast immer funktioniert. Er wirkt wie ein Ausrufezeichen oder ein Doppelpunkt, der den nächsten Abschnitt ankündigt. Mitten in einer Phrase platziert, wirkt er oft wie ein Störgeräusch, das den Tänzer aus dem Groove reißt.
Eine nützliche Denkweise ist die „Frage-Antwort“-Regel. Der laufende Track stellt eine musikalische „Frage“ (z.B. eine aufbauende Melodiephrase). Dein Scratch ist die kurze, perkussive „Antwort“ darauf. Diese subtile Interaktion schafft einen Dialog und macht dein Set lebendig, anstatt es zu überladen. Diese Kunst der Platzierung ist ein zentraler Aspekt der Technokultur, die in Berlin so tief verwurzelt ist, dass die UNESCO-Kommission 2024 bestätigte, sie als immaterielles Kulturerbe anzuerkennen. Es geht um das Verständnis der kollektiven Erfahrung, nicht um individuelle Zurschaustellung.
Welche Sounds eignen sich am besten für elektronische Musik?
Die Wahl des richtigen Sounds ist die klangliche Tarnkappe für deinen Scratch. Während im Hip-Hop oft ganze Vocals oder Horn-Stabs verwendet werden, würde das in einem minimalistischen Techno-Set den Rahmen sprengen. Dein Ziel ist es, Sounds zu finden, die sich nahtlos in die bestehende Klanglandschaft einfügen oder sie auf eine Weise ergänzen, die dem Genre treu bleibt. Vergiss die klassische „Battle Record“ mit ihren „Ahhh“-Samples; deine Sound-Quelle ist der Track, der bereits läuft, oder deine eigene Sample-Library.
Hier sind die drei besten Quellen für Scratch-Sounds im Techno und House:
- Perkussive Elemente: Der einfachste und effektivste Weg. Nutze eine kurze, trockene TR-909 Kick-Drum, einen metallischen FM-Synth-Stab oder einen einzelnen Beckenschlag. Diese Sounds haben bereits die richtige Frequenz und Textur, um sich organisch in den Beat einzufügen. Du kannst sogar in Ableton Live oder einer anderen DAW einen Beckenschlag aus einem Track isolieren und mit etwas Reverb versehen, um ihm mehr Raum zu geben.
- Elemente aus dem laufenden Track: Das ist die hohe Kunst der Integration. Lade den Track, der auf Deck A läuft, auch auf ein drittes Deck. Suche dir einen markanten Sound – einen Synth-Akkord, ein kurzes Vocal-Fragment – und nutze diesen für deine Scratches. Das Ergebnis ist ein Call-and-Response-Effekt, bei dem dein Scratch wie ein Echo oder eine Mutation des Haupttracks klingt.
- Atmosphärische Sounds: Anstelle eines harten, perkussiven Sounds kannst du auch ein langes Pad oder ein Rauschen (White Noise) verwenden. Wenn du dieses mit einem scharfen Crossfader cuttest, erzeugst du rhythmische „Gates“ oder „Stabs“ aus einer ansonsten flächigen Textur. Das ist eine sehr subtile, aber extrem effektive Technik.

Auch wenn du meist digitale Samples nutzen wirst, kann das Studium der Vinyl-Kultur extrem inspirierend sein. Deutsche Hip-Hop-Platten wie die „Battle of the Year“-Compilations können dir ein Gefühl für Rhythmus und Phrasierung geben, auch wenn du die Sounds selbst nicht verwendest. Es geht darum, die mechanische Seele des Scratchings zu verstehen, die in den Rillen der Platte eingeschlossen ist.
Warum braucht man starkes Drehmoment für schnelles Mixing und Scratching?
Nachdem wir über Techniken und Sounds gesprochen haben, müssen wir über das Herzstück deines Setups reden: den Plattenspieler. Und hier gibt es eine physikalische Eigenschaft, die über Gelingen oder Scheitern entscheidet: das Drehmoment (Torque). Ein hohes Drehmoment ist die Kraft, mit der der Motor den Plattenteller antreibt. Für einen DJ, der scratchen möchte, ist dies keine Nebensächlichkeit, sondern eine absolute Notwendigkeit.
Stell dir vor, du bewegst die Platte für einen schnellen Baby-Scratch hin und her. In dem Moment, in dem du sie loslässt, muss der Plattenteller sofort und ohne Verzögerung wieder die exakte Solldrehzahl erreichen (z.B. 33 oder 45 RPM). Ein Plattenspieler mit niedrigem Drehmoment, wie die meisten riemengetriebenen Hi-Fi-Modelle, braucht dafür einen kurzen Moment. Das Ergebnis ist ein „eiernder“, unsauberer Sound, da die Tonhöhe kurz absackt. Ein Plattenspieler mit hohem Drehmoment, typischerweise ein Modell mit Direktantrieb, beschleunigt den Teller quasi verzögerungsfrei. Das ist die Voraussetzung für knackige, präzise und rhythmisch saubere Cuts.
Fallstudie: Der Technics SL-1200 und die Geburt des modernen Scratchings
Die Revolution kam 1972 mit dem Technics SL-1200, entwickelt von Shuichi Obata bei Matsushita (heute Panasonic). Sein Direktantriebsmotor bot ein bis dahin unerreicht hohes Drehmoment. DJs wie Grand Wizzard Theodore, einer der Pioniere des Scratchings, entdeckten, dass der Motor selbst dann mit der korrekten Geschwindigkeit weiterlief, wenn sie die Platte mit der Hand stoppten oder hin- und herbewegten. Diese Stabilität ermöglichte erst die Entwicklung komplexer Scratch-Techniken. Moderne Turntables wie der Reloop RP-8000 bauen auf diesem Prinzip auf und bieten oft sogar ein einstellbares Drehmoment.
Ein Turntablist-Experte bringt es auf den Punkt, wenn er die Bedeutung des Drehmoments erklärt. So sagt DJ Angelo in seiner Tutorial-Reihe:
Ein hohes Drehmoment ist wie die ‚Reaktionszeit‘ der Platte – ohne dies entsteht ein eiernder, unsauberer Sound beim schnellen Baby-Scratch.
– DJ Angelo, Turntable Tutorial Series
Ohne das richtige Drehmoment kämpfst du also ständig gegen deine Ausrüstung an, anstatt mit ihr zu arbeiten. Es ist die unsichtbare Kraft, die deine rhythmischen Ideen erst hörbar macht.
Warum verhalten sich Fader-Kurven unterschiedlich bei der Lautstärke?
Wir haben bereits festgestellt, dass eine „scharfe“ Fader-Kurve für das Scratchen essenziell ist. Doch um wirklich zu verstehen, was dein Mixer tut, lohnt sich ein kurzer Blick hinter die Kulissen. Warum fühlt sich der Crossfader eines Allen & Heath Xone:92 so anders an als der eines Pioneer DJM-A9, selbst wenn beide auf „scharf“ gestellt sind? Der Grund liegt in der unterschiedlichen Charakteristik, mit der Fader die Lautstärke regeln: hauptsächlich logarithmisch vs. linear.
Ein rein linearer Fader ist für das Mischen ideal, aber für das Scratchen unbrauchbar. Bei 50% des Fader-Weges gibt er 50% der Lautstärke aus. Der Lautstärkeanstieg ist gleichmäßig, was sanfte Übergänge ermöglicht. Für einen Cut ist das aber zu langsam.
Ein logarithmischer Fader (auch „Audio Taper“ genannt) verhält sich anders. Er orientiert sich an der menschlichen Hörwahrnehmung, die ebenfalls logarithmisch ist. Hier passiert auf dem ersten Teil des Fader-Weges sehr wenig, und die volle Lautstärke wird erst ganz am Ende erreicht. Eine steil eingestellte Scratch-Kurve ist im Grunde eine extrem überzeichnete logarithmische Kurve: Auf 95% des Weges ist Stille, und auf den letzten Millimetern explodiert die Lautstärke. Das ermöglicht den gewünschten An/Aus-Effekt.
Fallstudie: Logarithmische vs. Lineare Fader-Charakteristik
Tests mit modernen Mixern wie dem Pioneer DJM-A9 oder dem Allen & Heath Xone:96 mit nachgerüstetem InnoFader zeigen den Unterschied deutlich. Ein weiterer entscheidender Faktor ist der „Cut-in Lag“. Das ist der „tote Bereich“ am Anfang und Ende des Fader-Weges, in dem noch kein Sound durchkommt. Bei hochwertigen Scratch-Fadern lässt sich dieser Abstand auf unter einen Millimeter justieren. Das bedeutet, dass der Sound sofort einsetzt, wenn du den Fader bewegst. Ein zu großer Cut-in Lag führt dazu, dass schnelle, rhythmische Bewegungen (wie bei einem „Crab“-Scratch) gar nicht erst hörbar werden, weil der Fader den Sound nicht schnell genug „öffnet“.
Das Verständnis dieser technischen Details ist kein unnötiger Exkurs. Es hilft dir, das Verhalten deines Mixers zu verstehen und das Maximum aus ihm herauszuholen. Wenn deine Scratches unsauber klingen, liegt es vielleicht nicht an deiner Technik, sondern daran, dass der Cut-in Lag deines Faders zu groß ist oder die Kurve nicht steil genug eingestellt werden kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Scratching im Techno ist eine perkussive Technik, die Rhythmus und Textur hinzufügt, anstatt als Solo-Instrument zu agieren.
- Die technischen Grundlagen sind ein Plattenspieler mit hohem Drehmoment und ein Mixer mit einer scharf eingestellten Fader-Kurve für präzise Cuts.
- Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Zurückhaltung: Perfekt getimte, sparsam eingesetzte Scratches am Ende von Phrasen verstärken den Flow, anstatt ihn zu stören.
Wie lernt man Beatmatching nach Gehör, ohne auf das Display zu schauen?
Alle bisherigen Techniken – vom Baby-Scratch bis zur Fader-Einstellung – sind nutzlos, wenn die rhythmische Grundlage nicht stimmt. Und diese Grundlage ist das Beatmatching. Auch wenn du Scratches in ein digitales Set mit aktivierter Sync-Funktion einbaust, ist die Fähigkeit, zwei Tracks nach Gehör anzugleichen, die absolute Königsdisziplin. Sie schult dein Ohr auf eine Weise, die keine Software ersetzen kann, und ermöglicht es dir, das Timing deiner Scratches intuitiv zu perfektionieren.
Eine der effektivsten Methoden, dies zu lernen, ist die „Bassline-Fokus-Technik“. Anstatt dich von Melodien, Vocals und Hi-Hats ablenken zu lassen, blendest du sie aus. Nutze die EQs deines Mixers und drehe die Höhen und Mitten beider Tracks komplett heraus. Was übrig bleibt, sind nur die nackten Bassdrums. Dein Gehirn muss sich nun nur noch auf eine einzige Information konzentrieren: den reinen Puls. Schlage einen Track im Kopfhörer leicht an und versuche, die beiden Kick-Drums zur Deckung zu bringen. Du wirst schnell merken, ob ein Track „davonläuft“ oder „hinterherhinkt“.
Diese Fähigkeit ist mehr als nur technisches Handwerk. In der deutschen Clubkultur, die stark von der Vinyl-Tradition geprägt ist, wird sie hochgeschätzt. Ein Club wie das Robert Johnson in Offenbach ist berühmt für DJs, die diese Kunst perfekt beherrschen. Wie das Magazin Techno Streams bemerkt:
Die Fähigkeit nach Gehör zu mixen gilt in der deutschen Clubkultur, die stark von der Vinyl-Tradition geprägt ist, immer noch als hohes Gut.
– Techno Streams, Die Besten der Szene 2024
Beatmatching nach Gehör ist dein persönliches Rhythmus-Trainingslager. Es synchronisiert nicht nur zwei Platten, sondern auch dein Gehirn mit dem Beat. In einer Szene, deren schiere Größe sich mit über 225.000 Besuchern beim Parookaville Festival zeigt, ist diese fundamentale Fähigkeit ein Weg, sich von der Masse abzuheben und eine tiefere Verbindung zur Musik herzustellen.
Jetzt hast du das Rüstzeug – von der Technik über die Hardware bis zur Philosophie. Der nächste logische Schritt ist, diese Konzepte in die Praxis umzusetzen. Beginne noch heute damit, den Baby-Scratch mit einem Kick-Drum-Sample zu üben und dein Gehör für das Beatmatching zu schärfen.