Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Integration elektronischer Musik in ein Jazz-Festival ist kein Marketing-Gag, sondern eine kuratorische Notwendigkeit, die auf akustischer Exzellenz und künstlerischem Dialog basiert.

  • Die Klangqualität in renommierten Sälen übertrifft jeden Club, wenn die Akustik professionell für elektronische Frequenzen adaptiert wird.
  • Echte Kollaborationen und improvisierte Momente zwischen Genres schaffen einzigartige, unwiederholbare Musikerlebnisse.

Recommandation : Betrachten Sie das Programm nicht als eine Liste von Genres, sondern als ein kuratiertes Gesamtkunstwerk. Suchen Sie gezielt nach den Schnittstellen – dort entsteht die Magie.

Das Bild ist oft dasselbe: Ein altehrwürdiges Jazz-Festival kündigt elektronische Künstler an und sofort werden Stimmen laut. Ist das ein verzweifelter Versuch, ein jüngeres Publikum anzulocken? Ein Ausverkauf der eigenen Identität? Viele befürchten, dass die Seele des Jazz, seine Komplexität und Improvisationskunst, durch monotone 4/4-Takte verwässert wird. Man stellt sich einen DJ vor, der lieblos auf einer Nebenbühne platziert wird, während die „echten“ Musiker im Hauptsaal spielen. Dieses Vorurteil, so verständlich es sein mag, verkennt die immense kuratorische Arbeit, die hinter einer gelungenen Integration steckt.

Als Programmdirektor kann ich Ihnen versichern: Ein Act wie Nils Frahm oder The Cinematic Orchestra landet nicht zufällig auf unserem Line-up. Die Entscheidung ist das Ergebnis einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Frage, was „live“ heute bedeutet und wo die Grenzen zwischen komponierter und improvisierter, akustischer und elektronischer Musik verlaufen. Es geht nicht darum, einen Trend zu bedienen. Es geht darum, den künstlerischen Dialog zu fördern und ein Umfeld zu schaffen, in dem musikalische Exzellenz gedeihen kann, unabhängig vom Genre. Die wahre Herausforderung – und die Kunst – liegt nicht darin, ob man es tut, sondern wie man es tut.

Dieser Artikel gibt Ihnen einen Einblick hinter die Kulissen. Wir werden untersuchen, wie die akustischen Herausforderungen gemeistert werden, warum Kollaborationen zwischen Techno-DJs und Jazz-Musikern mehr als nur ein Gerücht sind und was einen Auftritt bei einem solchen Festival zu einem wahren Ritterschlag für jeden Künstler macht. Es ist eine Einladung, Vorurteile über Bord zu werfen und die musikalische Offenheit als das zu sehen, was sie ist: die Zukunft der Live-Musik.

Um die Facetten dieser musikalischen Transformation vollständig zu erfassen, beleuchtet der folgende Überblick die entscheidenden Aspekte, von der Akustik bis zur Definition eines modernen Live-Erlebnisses.

Warum klingen elektronische Sets im Auditorium Stravinski anders als im Club?

Die landläufige Meinung besagt, dass elektronische Musik – insbesondere basslastige Genres wie Techno – in die schweißtreibende, komprimierte Atmosphäre eines Clubs gehört. Ein klassischer Konzertsaal wie das Auditorium Stravinski in Montreux, berühmt für seine makellose Akustik für Jazz und Klassik, scheint auf den ersten Blick der Antagonist zu sein. Doch genau hier liegt der Schlüssel zur kuratorischen Qualität. Die Herausforderung wird zur Chance: Anstatt den wummernden Bass eines Clubs zu imitieren, nutzen wir die Präzision und den Detailreichtum des Saales, um eine völlig neue Hörerfahrung zu schaffen. Dies ist keine triviale Aufgabe in einer Industrie, deren Gesamtwert 2024 über 11 Milliarden Euro erreichte.

Die akustische Inszenierung ist entscheidend. Modernste Soundsysteme werden nicht einfach nur aufgestellt, sondern millimetergenau kalibriert, um die architektonischen Gegebenheiten zu nutzen. Schallreflexionen werden kontrolliert, Frequenzen präzise getrennt. Das Ergebnis ist ein Klangbild, das in keinem Club der Welt möglich wäre: Jeder einzelne Layer eines Tracks, jede subtile Hallfahne, jede texturale Nuance wird hörbar. Plötzlich ist es keine dröhnende Masse mehr, sondern ein hochauflösendes musikalisches Panorama. Künstler wie Nils Frahm perfektionieren diese Symbiose, indem sie den Raum selbst als Instrument begreifen.

Fallbeispiel: Das Ipanema am Montreux Jazz Festival

Ein perfektes Beispiel für die innovative Raumnutzung ist die Bühne „Ipanema“. Anstatt elektronische Musik in einen dunklen Keller zu verbannen, wurde sie auf speziellen Sonnenterrassen direkt am Genfer See angesiedelt. Diese Open-Air-Situation mit mehreren Bühnen schafft eine einzigartige akustische Umgebung, die sich fundamental von einem geschlossenen Club unterscheidet. Der Klang entfaltet sich freier, interagiert mit der natürlichen Umgebung und verbindet die Musik mit der malerischen Landschaft. Dies zeigt, dass es nicht darum geht, einen Club zu kopieren, sondern darum, einen spezifischen, unvergesslichen Kontext für die Musik zu schaffen.

Ein Set im Stravinski ist somit kein Kompromiss, sondern eine bewusste künstlerische Entscheidung. Es ist die Einladung an das Publikum, elektronische Musik nicht nur zu fühlen, sondern ihr mit der gleichen Konzentration und Aufmerksamkeit zuzuhören wie einem Jazz-Trio.

Wenn Techno-DJs auf Jazz-Musiker treffen: Passiert das wirklich?

Die Vorstellung einer Jam-Session zwischen einem Techno-Produzenten und einem Jazz-Saxophonisten klingt für viele wie eine Fantasie oder ein Marketing-Gag. Doch diese Form des künstlerischen Dialogs ist nicht nur real, sondern ein zentraler Pfeiler für die Glaubwürdigkeit gattungsübergreifender Festivals. Es geht hier nicht darum, ein Jazz-Solo über einen generischen Beat zu legen. Es geht um einen tiefen, gegenseitigen Respekt und die Neugier, die musikalischen Sprachen des anderen zu erlernen und zu kombinieren. Diese Begegnungen finden oft abseits der Hauptbühnen statt, in spontanen Sessions oder speziell kuratierten Projekten.

Der Schlüssel liegt in der sorgfältigen Auswahl der Künstler. Wir suchen nach Musikern auf beiden Seiten des Spektrums, die bereits in ihrer eigenen Arbeit eine gewisse Offenheit zeigen. Ein DJ, der mit komplexen Harmonien und gebrochenen Rhythmen experimentiert, findet viel eher eine gemeinsame Basis mit einem improvisierenden Jazzer als jemand, der strikt funktionale Clubmusik produziert. Auf der anderen Seite sind es oft Jazz-Musiker, die mit Effekten, Loops und elektronischen Instrumenten arbeiten, die den Brückenschlag wagen.

Fusion von klassischen Jazz-Instrumenten mit elektronischen Musikgeräten

Diese Kollaborationen sind das Herzstück der Innovation. Sie zwingen die Künstler, ihre Komfortzone zu verlassen und auf eine Weise zuzuhören und zu reagieren, die in ihren angestammten Genres vielleicht nicht erforderlich wäre. Das Ergebnis ist oft unvorhersehbar, manchmal fragil, aber immer einzigartig. Es ist die Antithese zur perfekt produzierten, aber sterilen Studioaufnahme. Für das Publikum ist es die seltene Gelegenheit, Zeuge eines kreativen Prozesses in Echtzeit zu werden – die pure Essenz dessen, was Live-Musik ausmacht.

Es ist diese gelebte Synergie, die weit über das bloße Nebeneinander von Genres hinausgeht und die Authentizität des Festivals untermauert. Solche Momente beweisen, dass die Grenzen zwischen den musikalischen Welten weitaus durchlässiger sind, als es die Labels vermuten lassen.

Warum ist ein Slot in Montreux für einen DJ ein Ritterschlag?

Ein Auftritt beim Montreux Jazz Festival ist für jeden Musiker, unabhängig vom Genre, ein Meilenstein in der Karriere. Für einen DJ oder einen elektronischen Produzenten hat dieser Slot jedoch eine noch tiefere Bedeutung. Es ist die formelle Anerkennung als ernsthafter Künstler, nicht nur als Dienstleister für eine tanzende Menge. An einem Ort aufzutreten, an dem Legenden wie Miles Davis, Nina Simone oder Prince Musikgeschichte geschrieben haben, bedeutet, in einen Kanon aufgenommen zu werden, der auf künstlerischer Exzellenz und nicht auf kommerziellen Trends beruht. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu vielen rein elektronischen Festivals.

Die enorme Reichweite und das Prestige des Festivals spielen dabei eine wesentliche Rolle. Schon 1999 zog das Festival laut Aufzeichnungen über 220.000 Besucher an und hat seitdem sein internationales Renommee stetig ausgebaut. Ein Auftritt hier wird von einer globalen Gemeinschaft von Musikliebhabern, Kritikern und Branchenexperten wahrgenommen, die weit über die Grenzen der elektronischen Szene hinausgeht. Es öffnet Türen zu neuen Publikumsschichten und legitimiert die eigene Arbeit auf einer völlig neuen Ebene. Der Name Montreux im Tourplan ist ein Gütesiegel, das für Qualität und musikalischen Anspruch steht.

Darüber hinaus bedeutet ein Slot in Montreux auch, Teil einer sorgfältig kuratierten Vision zu sein. Anders als bei vielen Großfestivals, wo hunderte Namen auf ein Plakat gedruckt werden, ist hier jeder Act bewusst platziert. Der Künstler wird Teil einer größeren Erzählung, die das Festival über mehrere Tage und Bühnen hinweg spinnt. Diese Einbettung in einen anspruchsvollen, musikhistorischen Kontext ist eine Ehre, die weit über die Gage oder die Größe des Publikums hinausgeht. Es ist die Bestätigung, dass die eigene Musik den höchsten Ansprüchen an Originalität, Technik und emotionaler Tiefe genügt.

Diese Anerkennung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, die das Festival von einem reinen Jazz-Event zu einem wahren Weltmusik-Forum transformiert hat, das musikalische Qualität über Genregrenzen stellt.

Lohnt sich der hohe Preis für die intime Atmosphäre?

Die Ticketpreise für renommierte Festivals wie Montreux sind zweifellos hoch und stehen in starkem Kontrast zu den oft basisdemokratischen Preismodellen von Underground-Techno-Festivals wie der Fusion. Diese Diskrepanz führt unweigerlich zu der Frage: Ist der Preis gerechtfertigt? Die Antwort liegt in der bewussten Entscheidung für Intimität und Qualität anstelle von reiner Masse. Während der Live-Sektor der elektronischen Musik boomt und laut Berichten einen Gesamtumsatz von 27 Milliarden US-Dollar erreicht, positionieren sich Premium-Festivals bewusst anders.

Es geht nicht darum, 70.000 Menschen auf einem Feld zu versammeln. Es geht darum, 3.500 Menschen im Auditorium Stravinski ein perfektes audiovisuelles Erlebnis zu bieten. Dieser Fokus auf eine kontrollierte, intime Umgebung hat direkte Auswirkungen auf die Kosten: erstklassige Akustik, aufwändige Lichtinszenierungen, hochprofessionelles Personal und natürlich die Gagen für absolute Weltklasse-Künstler. Der Preis spiegelt den Anspruch wider, ein Konzerterlebnis zu schaffen, das in jeder Hinsicht kompromisslos ist. Man zahlt nicht nur für einen Namen auf dem Line-up, sondern für die Garantie eines perfekten Rahmens.

Der folgende Vergleich verdeutlicht die unterschiedlichen Philosophien:

Festival-Modelle: Premium vs. Underground
Aspekt Premium Festival (Montreux) Underground (Fusion)
Kapazität 3.500 (Auditorium Stravinski) 70.000+
Preismodell Premium-Ticketing Selbstkostenpreis
Atmosphäre Intim, exklusiv Kollektiv, inklusiv

Letztendlich ist es eine Frage der persönlichen Priorität. Wer ein kollektives, rauschhaftes Erlebnis sucht, ist bei einem großen Open-Air-Festival möglicherweise besser aufgehoben. Wer jedoch einen Künstler in einem akustisch perfekten Raum, umgeben von einem aufmerksamen Publikum, erleben möchte und Wert auf Details und Nuancen legt, für den stellt der höhere Preis eine lohnende Investition in ein potenziell lebensveränderndes musikalisches Erlebnis dar. Es ist der Unterschied zwischen einem lauten Volksfest und einem feinen Gourmet-Menü – beides hat seine Berechtigung, aber sie bedienen unterschiedliche Bedürfnisse.

Die Bedeutung der audiovisuellen Dokumentation für die Musikgeschichte

Ein entscheidender Aspekt, der Festivals wie Montreux von flüchtigen Events unterscheidet, ist ihr tiefes Bewusstsein für die eigene historische Verantwortung. Seit der Gründung 1967 wird fast jedes Konzert professionell aufgezeichnet. Diese Praxis, initiiert vom Gründer Claude Nobs, hat ein audiovisuelles Archiv von unschätzbarem Wert geschaffen. Es ist nicht nur eine Sammlung von Aufnahmen, sondern ein lebendiges Gedächtnis der Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Für elektronische Künstler ist die Aufnahme in dieses Archiv fast so bedeutsam wie der Auftritt selbst.

Während ein DJ-Set in einem Club meist eine vergängliche Erfahrung für die Anwesenden bleibt, wird ein Auftritt in Montreux für die Ewigkeit festgehalten. Die Aufnahme wird Teil einer Sammlung, die neben Auftritten von Ella Fitzgerald oder B.B. King steht. Diese Dokumentation legitimiert elektronische Musik als eine ebenso wichtige und erhaltenswerte Kunstform wie Jazz, Blues oder Rock. Sie sorgt dafür, dass die oft improvisierten und einzigartigen Momente dieser Performances nicht verloren gehen, sondern für zukünftige Generationen von Musikern und Fans zugänglich bleiben.

Fallbeispiel: Das Montreux Jazz Festival Archiv als UNESCO-Weltdokumentenerbe

Die außergewöhnliche Bedeutung dieser Sammlung wurde 2013 offiziell gewürdigt, als sie in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen wurde. Diese Sammlung, die laut offiziellen Angaben des Festivals über 50 Jahre Musikgeschichte dokumentiert, umfasst mehr als 5.000 Konzerte. Initiativen wie die „The Montreux Years“-Serie, die in Zusammenarbeit mit BMG legendäre Aufnahmen von Künstlern wie Nina Simone oder Etta James in höchster Qualität wiederveröffentlicht, zeigen das Engagement, dieses Erbe aktiv zu pflegen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ein elektronischer Act, der hier aufgezeichnet wird, wird Teil dieses globalen Kulturerbes.

Diese systematische Archivierung verwandelt einen einmaligen Auftritt in ein dauerhaftes kulturelles Artefakt. Sie verleiht der oft als kurzlebig wahrgenommenen elektronischen Musik eine historische Tiefe und Beständigkeit, die für die Anerkennung des Genres von unschätzbarem Wert ist. Der Auftritt ist nicht nur ein Gig, er ist ein Beitrag zur Musikgeschichte.

Zirkus, Theater, Politik: Warum Musik nur 50% des Erlebnis ausmacht

Ein häufiges Missverständnis über traditionsreiche Festivals ist die Annahme, es ginge ausschließlich um die Musik, die auf den Hauptbühnen stattfindet. In Wahrheit ist das Konzerterlebnis nur ein Teil eines viel größeren Ganzen. Ein modernes Festival versteht sich als Gesamtkunstwerk, als eine temporäre Welt, die alle Sinne anspricht. Die Atmosphäre entlang der Seepromenade, die Kunstinstallationen, die kulinarischen Angebote und die spontanen Begegnungen sind mindestens genauso wichtig wie das gebuchte Line-up. Dieses Umfeld schafft den Kontext, in dem die Musik erst ihre volle Wirkung entfalten kann.

Gerade für ein Publikum, das elektronische Musik vielleicht nur aus dunklen Clubs kennt, eröffnet dieser erweiterte Erlebnisraum neue Perspektiven. Die Musik wird aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und in einen neuen Kontext gesetzt – sei es eine Open-Air-Bühne bei Sonnenuntergang oder ein überraschender Auftritt in einer Kunstgalerie. Dieser Ansatz wird in Montreux besonders deutlich, wo laut offiziellen Angaben rund 90 % des Programms kostenlos und unter freiem Himmel stattfindet. Das Festival ist keine elitäre, verschlossene Veranstaltung, sondern eine offene Einladung an die ganze Stadt und ihre Besucher.

Festival als multisensorisches Gesamterlebnis mit verschiedenen Kunstformen

Diese kuratierte Umgebung beeinflusst die Wahrnehmung der Musik maßgeblich. Ein treibender Techno-Track klingt anders, wenn man dabei auf den glitzernden See blickt, als wenn man in einem stickigen Keller steht. Die multisensorische Erfahrung – das Visuelle, das Soziale, das Kulinarische – rahmt das Auditive und verleiht ihm zusätzliche Bedeutungsebenen. Es ist diese ganzheitliche Herangehensweise, die ein Festival von einer reinen Abfolge von Konzerten unterscheidet und zu einem unvergesslichen, immersiven Erlebnis macht. Die Musik ist der Soundtrack, aber der Film ist das gesamte Festivalgelände.

Die Magie entsteht aus der Summe aller Teile. Die Musik mag der Anlass sein, aber das Erlebnis ist das, was in Erinnerung bleibt. Es ist eine Mischung aus Zirkus, Theater und sozialem Treffpunkt, die den eigentlichen Wert ausmacht.

Wann bricht man aus dem Pattern aus, um Spannung zu erzeugen?

Die vielleicht größte Angst von Jazz-Liebhabern gegenüber elektronischer Musik ist die vermeintliche Monotonie des 4/4-Taktes. Doch was auf den ersten Blick repetitiv erscheint, ist in den Händen eines meisterhaften Künstlers eine Leinwand für subtile und explosive Spannungsbögen. Der stetige Puls ist nicht das Ende der Geschichte, sondern die Grundlage, auf der dramaturgische Ereignisse aufgebaut werden. Die Kunst besteht darin, zu wissen, wann man dem Muster folgt und – noch wichtiger – wann man es bricht, um maximale emotionale Wirkung zu erzielen.

Erfahrene Live-Acts und DJs nutzen eine Vielzahl von Techniken, um Erwartungen aufzubauen und sie dann gezielt zu durchbrechen. Ein plötzlicher „Break“, bei dem die Bassdrum für einige Takte aussetzt, kann eine immense Energie freisetzen, wenn sie wieder einsetzt. Eine unerwartete harmonische Wendung kann eine rein rhythmische Passage in einen emotionalen Moment verwandeln. Diese bewussten Brüche sind das elektronische Äquivalent zu einem improvisierten Solo im Jazz. Es sind die Momente der Überraschung, die ein Set unvergesslich machen.

Frahms Herz liegt in der Improvisation, in der Magie eines Moments, in dem, inspiriert durch den Raum und das Publikum, seine Finger neue Kompositionen schaffen können, die lose auf seinen vertrauten Melodien basieren.

– Nils Frahm, Bandcamp Artist Page

Diese Fähigkeit zur Improvisation und zum bewussten Brechen von Mustern ist ein zentrales Kriterium bei der Auswahl von elektronischen Künstlern für ein anspruchsvolles Festival. Es trennt die Handwerker von den wahren Künstlern. Ein guter Live-Act reagiert auf die Energie des Publikums und die Akustik des Raumes und passt sein Set in Echtzeit an. Er spielt nicht einfach nur eine vorgefertigte Playlist ab, sondern befindet sich in einem ständigen Dialog mit dem Moment.

Ihre Checkliste: Spannungstechniken in der elektronischen Performance

  1. Pattern-Break: Achten Sie auf bewusste Unterbrechungen der 4/4-Struktur, die für einen dramatischen Effekt sorgen.
  2. Harmonische Überraschung: Identifizieren Sie Momente, in denen unerwartete Akkordprogressionen eingeführt werden, um die emotionale Landschaft zu verändern.
  3. Dynamik-Shift: Spüren Sie den plötzlichen Wechsel von minimalen, reduzierten Phasen zu Momenten maximaler Energie.
  4. Tempo-Modulation: Bemerken Sie subtile Änderungen der BPM-Zahl, die eingesetzt werden, um emotionale Spannung auf- oder abzubauen.
  5. Texturaler Kontrast: Hören Sie den Wechsel zwischen rein digitalen, synthetischen Klängen und dem Einsatz akustischer oder organischer Klangquellen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kuration vor Kommerz: Die Auswahl elektronischer Acts basiert auf künstlerischer Qualität und Kompatibilität, nicht auf Marketing-Überlegungen.
  • Akustik als Instrument: Renommierte Konzertsäle werden nicht als Hindernis, sondern als Chance für ein hochauflösendes, nuanciertes Klangerlebnis genutzt.
  • Das Gesamterlebnis zählt: Die Atmosphäre, die Kunst und die sozialen Begegnungen schaffen einen Kontext, der die Musik aufwertet und das Festival zum Gesamtkunstwerk macht.

Wann darf sich ein Künstler „Live-Act“ nennen und was erwartet das Publikum?

Der Begriff „Live-Act“ wird in der elektronischen Musik oft inflationär verwendet. Doch was unterscheidet einen echten Live-Act von einem DJ-Set, und warum ist diese Unterscheidung für ein Festival wie Montreux so wichtig? Ein DJ, so kunstfertig sein Mixing auch sein mag, spielt und kombiniert in der Regel bereits existierende, fertige Tracks. Ein wahrer Live-Act hingegen schafft oder re-arrangiert die Musik in Echtzeit auf der Bühne. Er ist Musiker und Performer, nicht nur Selektor.

Das Publikum erwartet von einem Live-Act ein höheres Maß an Risiko, an sichtbarer musikalischer Arbeit und an Einzigartigkeit. Man will sehen, wie die Klänge entstehen – durch das Bedienen von Synthesizern, Drum-Machines, Sequenzern oder die Integration von akustischen Instrumenten. Diese Transparenz des kreativen Prozesses schafft eine viel stärkere Verbindung zwischen Künstler und Zuhörer. Jeder Auftritt ist ein Unikat, da er von der Improvisation und der Interaktion mit den Instrumenten lebt. Es ist diese Unwiederholbarkeit, die den Kern des „Live“-Erlebnisses ausmacht.

Komplexes Live-Performance Setup mit Synthesizern und Instrumenten

Künstler wie Nils Frahm sind das Paradebeispiel für diese Philosophie. Sein Setup ist kein DJ-Pult, sondern eine komplexe Festung aus Klavieren, alten Orgeln und analogen Synthesizern, die er wie ein Dirigent steuert. Er demonstriert, dass ein einzelner Künstler ein ganzes Orchester an Klängen erzeugen und ein immersives Erlebnis schaffen kann, das die Grenzen zwischen Elektronik, Jazz und Klassik vollständig auflöst. Dies ist die Art von Performance, die wir suchen: Künstler, die ihre Instrumente – ob digital oder analog – meisterhaft beherrschen und auf der Bühne etwas völlig Neues erschaffen.

Die Definition eines Live-Acts ist für uns also klar: Es ist ein Künstler, der die Bausteine seiner Musik live auf der Bühne generiert, manipuliert und zusammensetzt. Diese Betonung auf die performative, schöpferische Leistung ist der Grund, warum solche Acts perfekt in den Kontext eines anspruchsvollen Musikfestivals passen. Sie teilen die gleiche DNA wie ein improvisierendes Jazz-Ensemble: die Magie des im Moment geschaffenen Klangs.

Um die heutige Musiklandschaft zu verstehen, ist es unerlässlich, die feinen, aber entscheidenden Unterschiede zu kennen. Die Frage, was einen wahren Live-Act ausmacht, ist dabei von zentraler Bedeutung.

Überzeugen Sie sich selbst von dieser kuratorischen Vision. Besuchen Sie ein Festival mit offenen Ohren und suchen Sie aktiv nach den Momenten, in denen Genregrenzen auf höchstem Niveau verschwimmen. Es ist der beste Weg, um zu erleben, wie die Zukunft der Live-Musik klingt.

Geschrieben von Sarah Sarah Behrens, Kulturwissenschaftlerin, Musikjournalistin und Awareness-Koordinatorin. Expertin für Clubgeschichte, Diversität und soziale Dynamiken im Nachtleben.